MENU

Der Verweis auf die eigene Herkunft ist auch immer eine Distinktionsmarkierung. Die Verortung in einer Klasse, Region, Partei, Landsmannschaft, nationalen oder sexuellen Minderheit wirkt als Argument der Selbstbehauptung. Wenn ein Politiker solche Argumente benutzt, hat er es auf eine archaische Reiz-Reaktion abgesehen, die ihm bestätigt: „Der ist ja doch einer von uns.“ Dass diese Bestätigung immer noch nötig scheint, obwohl die Realität um uns herum das Gegenteil nahelegt, hat Thomas Rothschild in seinem Kommentar aufgegriffen.
Neben allerlei hirnverbranntem Beiwerk zu Cem Özdemirs Wahlsieg wie dem Brezel-Tattoo oder Fotos von jubelnden Partygästen, die die Arme hochwerfen und die Münder aufreißen wie Schimpansen im Affenkäfig, meldete sich auch eine Floskel von Journalisten, Kommentatoren und Parteifreunden, die eine genauere Betrachtung verdient, die Zuschreibung „ein Kind von Gastarbeitern“. Özdemir selbst hat sie vorgegeben, zum Beispiel auf Elon Musks Mikroblogger-Plattform X: „Was mir als Kind von Gastarbeitern klar wurde, gilt leider immer noch: Wer eine Migrationsgeschichte hat, muss mehr leisten & darf weniger Fehler machen, um das gleiche zu erreichen wie andere.“
Mit dem „Kind von Gastarbeitern“ oder auch „Sohn eines Gastarbeiters“ konkurrierten Labels wie „Migrantenkind“, ein Mensch mit „türkischen Wurzeln“ oder, von Cem Özdemir als Selbstbezeichnung bevorzugt, „anatolischer Schwabe“.
Dass ein Kind von Gastarbeitern, ein Kind, dessen Eltern nach Deutschland eingewandert sind, Ministerpräsident werden kann, ist erfreulich, so erfreulich wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, so erfreulich wie die Tatsache, dass deutsche Frauen, anders als Frauen in vielen Ländern, anders als Ausländer, die in Deutschland arbeiten und Steuern zahlen, ausgenommen Unionsbürgerinnen und Unionsbürger bei Kommunal- und Europawahlen, wählen dürfen. Bemerkenswert ist es nicht. Bemerkenswert ist, dass es Journalisten, Kommentatoren und Parteifreunden der Grünen bemerkenswert erscheint.
Die Legende vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, ist – nun eben: eine Legende. Aber die Weltgeschichte kennt eine ganze Reihe bedeutender Frauen und Männer, darunter auch Politiker, die aus Familien stammen, deren Mitglieder eine oder zwei Generationen zuvor Handwerker, Fabrikarbeiter, Bauern waren. Und ein ansehnlicher Teil von ihnen lebte erst seit ein, zwei Generationen in dem Land, in dem er aufwuchs, seine Bildung erlangte und seine Karriere machte. Die Eltern von Londons Bürgermeister Sadiq Khan sind aus Pakistan eingewandert. Der Vater war Busfahrer, die Mutter Näherin. Henry Kissinger, einer der einflussreichsten Politiker der USA, war aus Deutschland geflüchtet, Madeleine Albright, Außenministerin unter Bill Clinton, aus der Tschechoslowakei. Die Großeltern des ehemaligen Bürgermeisters von New York City, Rudy Giuliani, kamen aus Italien, sein Vater war ein Krimineller im eigentlichen Sinn des Wortes. Viele Orchester stünden ohne Dirigenten da und viele Krankenhäuser ohne Ärzte, wenn nach ihrer Herkunft oder gar der Herkunft ihrer Vorfahren gefragt würde, und Albert Einstein hatte fast ein Leben lang einen Migrationshintergrund. Den Sport braucht man gar nicht erst zu erwähnen. Da zählen weder die Herkunft, noch der soziale Status der Eltern, sondern einzig und allein die Zahl der Tore oder die Zentimeter beim Weitsprung.
Die Wahl des Gastarbeiterkindes Cem Özdemir zum Ministerpräsidenten folgt diesem Muster, das in Deutschland noch lange nicht so gelassen akzeptiert wird wie in den USA, die sich aufgrund ihrer Geschichte als Einwanderungsland verstehen. Grund zum Jubeln und für Schlagzeilen gäbe es, wenn der Anteil von Menschen mit „Migrationshintergrund“ in allen privilegierten Positionen so hoch wäre wie in der Gesamtbevölkerung, das sind in Deutschland rund 30 Prozent. Davon sind wir meilenweit entfernt. Dass es auch Frauen und Männern aus „bildungsfernen“ Familien, die seit Generationen in Deutschland leben, nicht viel besser ergeht, ist ein schwacher Trost. Das Sagen hat die „bürgerliche Mitte“, und Cem Özdemir ist dort angekommen. Die Herkunft hat man ihm nachgesehen, an die schwäbische Selbstgefälligkeit schmeißt sich der „anatolische Schwabe“ mit jedem zweiten Satz heran.
Dass ein Kind von Gastarbeitern Ministerpräsident wird, ist keine Sensation, sollte jedenfalls in einer Demokratie, die tatsächlich eine ist, keine sein, sondern Normalität. Garantie für eine fortschrittliche Politik, auch nur eine Politik im Interesse der „Gastarbeiter“ und ihrer Kinder ist es nicht.
Der erfolgreiche und trotz allem beliebte österreichische Sozialdemokrat, Außenminister und Bundeskanzler Bruno Kreisky musste bei jeder Stellungnahme zum Nahen Osten penibel darauf achten, dass man ihm, dem Agnostiker, nicht seine jüdische Herkunft vorhielte. Cem Özdemir versicherte, noch ehe seine Wahl feststand, dass er nicht partikuläre Interessen bedienen wolle. Die Konkurrenz ohne Migrationshintergrund ist da viel weniger zimperlich.
Im September 2024 erzählte Özdemir in einem Gastbeitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von seiner Tochter, die in Berlin vor ihrem Abitur stand. Ihm bereite Sorgen, wie sich das Land seit seiner Schulzeit verändert habe. „Wenn ich ihr zuhöre, bin ich nicht sicher, ob das Erwachsenwerden heute so unbeschwert ist, wie ich es damals empfunden habe.“ Während die Freundin der Tochter aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe auf einem Campingplatz in Mecklenburg an der Ostsee verbal dermaßen beleidigt und angefeindet worden sei, dass der Urlaub nach einem Tag habe abgebrochen werden müssen, sehe sich Özdemirs Tochter in Berlin vor allem sexueller Belästigung durch junge Männer mit Migrationshintergrund ausgesetzt. „Gegen solche Übergriffe hat sie sich, wie viele Frauen, das sprichwörtliche dicke Fell zugelegt. Doch ich spüre, wie sie das umtreibt. Und wie enttäuscht sie ist, dass nicht offensiver thematisiert wird, was dahintersteckt: die patriarchalen Strukturen und die Rolle der Frau in vielen islamisch geprägten Ländern.“
Derlei Überlegungen mögen verständlich sein. Aber sie bleiben persönliche Erfahrungen, die sich als Grundlage für die Migrationspolitik nicht eignen. Nach der vorletzten Jahrhundertwende flüchteten zahlreiche orthodoxe Juden vor den Pogromen in Polen und Russland in den Westen. Die assimilierten Juden in Berlin oder Wien, die sich mit dem vergleichsweise milden Antisemitismus eingerichtet hatten, sahen das nicht gerne. Sie begegneten den Neuankömmlingen nicht etwa mit Mitgefühl und Hilfsbereitschaft, sondern mit der begründeten Furcht, dass die auch ihnen fremdartigen Figuren mit ihren Kaftanen und ihren Schläfenlocken den Judenhass am Ort verstärken und auch sie selbst treffen könnten.
Das historische Beispiel, das sich durch zahlreiche ähnliche Vorgänge ergänzen ließe, belegt, dass die Zugehörigkeit zu einem (diskriminierten) Kollektiv nicht unbedingt der beste Ratgeber ist, wenn es darum geht, diesem Kollektiv zu helfen, auf Cem Özdemir angewandt: dessen Prioritäten wahrzunehmen. Denn sie sind nicht immer mit dem von Özdemir so gerne beschworenen „Landeswohl“ zur Deckung zu bringen. Man muss schon sehr naiv sein oder massive Interessen haben, um daran zu glauben, dass den Spatzen am besten geholfen sei, wenn man die Pferde füttert, von deren herabfallenden Exkrementen sich jene ernähren. Im wirklichen Leben muss man sich für die Spatzen oder für die Pferde entscheiden. Und da ist es von Nutzen, wenn man unbefangen ist.
Hoffen wir also, dass Cem Özdemir diese Mechanismen durchschaut, dass er die Gefahr der Überkompensation realisiert, die ihm als Kind von Gastarbeitern droht wie einst Bruno Kreisky als Juden. „Mehr leisten & weniger Fehler machen“ reicht nicht. Es müssen auch die besseren Leistungen und die wirklichen Fehler sein. Hoffen wir, dass Özdemir nicht besoffen wird vom Beifall derer, die seinen Koalitionspartner lieber in einer Alleinregierung gesehen hätten. Dass er über dem Landeswohl das Anatolische im Schwaben bewahrt und das Bewusstsein, dass es Konflikte gibt, in denen man sich entscheiden muss: zum Beispiel, aber nicht allein, für die Welt der Gastarbeiter oder für die Vorgaben von deren Kontrahenten, die die Kinder der Gastarbeiter und die Hungernden und Verfolgten von heute in ihr Elend zurückschicken wollen, zum Wohl ihres Vorgartens und der Spätzle mir Linsen – pardon: des Landes.
Erstellungsdatum: 22.03.2026