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Pariser Geschichten: JR „La Caverne du Pont-Neuf“ hat über die Geschichte von Paris aufgeklärt

Die letzte Eiszeit endete vor etwa 11.700 Jahren. Dass der Künstler JR sie auf der ältesten Pariser Brücke mit enormem Aufwand noch einmal visuell beschwor, gerade als die realen Temperaturen Rekordhöhe erreichten, war nicht abzusehen, – ein Glücksfall für die Kunst. Geplant aber war die Simulation der städtischen Katakomben, in denen die Brückenbesucher tatsächlich kühl empfangen wurden. Rainer Erd hat am letzten Wochenende die Innenansicht der „Caverne du Pont-Neuf“ bewundert.
Der französische Künstler JR war im Glück. Für das letzte Wochenende seiner grandiosen Installation über den Pariser Pont-Neuf hatte der Wetterdienst die größte Hitzewelle („canicule“) der letzten Jahre vorausgesagt und Besucher in Schrecken versetzt. Auch uns. Dennoch haben wir die Reise nach Paris angetreten. Zu verlockend waren die Bilder der Medien über das einzigartige Erlebnis, auf der ältesten Brücke von Paris in die jahrhundertalten Katakomben der Stadt versetzt zu werden. Und all unsere Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Paris war zwar mit 39 Grad heiß, aber JRs Kunstwerk erwies sich als eine unerwartete Abkühlung in der erhitzten Stadt. Nicht wie in den realen Katakomben, in denen die Temperatur durchschnittlich 14 Grad beträgt, aber so, dass der Gang durch die Installation wie ein erfrischender Spaziergang in einer brütenden Stadt erschien.

Das Kunstwerk von JR, das Bezug auf die 40 Jahre frühere Verhüllung des Pont-Neuf durch das Ehepaar Christo nahm, war als Rekurs auf die Geschichte von Paris inszeniert. Ein Paris, das viele nicht kennen, durchaus aber kennenlernen können, wenn sie vielfach besuchte Örtlichkeiten wie die Katakomben in Montparnasse vom voyeuristischen Blick auf Totenschädel und -gebeine befreien und als Chance für die Aneignung von Stadtgeschichte verstehen. Auch ein Spaziergang durch die nicht-touristischen Teile von Montmartre an der Ostseite von Sacré Coeur zeigt Reste eines Paris, das von Steinbrüchen durchzogen war und noch ist, wenngleich Sicherheitsbedenken heute einen Zugang verbieten.
Als die Île de la Cité, auf der sich erste Zeichen der Zivilisation des heutigen Paris in den Jahren vor Christus Geburt entwickelten, für den attraktiven Standort zu klein wurde, dehnte sich das entstehende Paris zunächst nach Süden (das heutige Quartier Latein, Saint-Germain des Prés und Montparnasse) und dann nach Norden (ganz oben Montmartre) aus. Wurde Material für den Bau von Häusern, Kirchen, Denkmälern und Straßen benötigt, war der Zugriff auf das unterirdische Paris eine Möglichkeit, auf kurzen Wegen hochwertiges Material zu erhalten. Denn im unterirdischen Paris befanden sich Kalkstein, Gips und Kreide, die sich für die Produktion neuer Gebäude und Straßen kostengünstig nutzen ließen.

Schon der Bau der noch heute bestehenden Arènes de Lutece (5. Arrondissement) war für die Römer im 1. Jahrhundert nach Christus nur möglich, weil sie die benötigten Materialien aus Pariser Steinbrüchen gewinnen konnten. Ohne diese wären auch keine Thermen entstanden, die man anschaulich im Musée national du Moyen Âge – Therme et hôtel de Cluny (5. Arr.) besichtigen kann. Mit dem schnellen Wachstum von Paris ab dem Mittelalter begannen Bauherren geologische Schichten, auf denen Paris ruht, in unterirdischen Gängen abzutragen. Es wird geschätzt, dass im Laufe der Jahrhunderte auf diese Weise ein 330 km langes unterirdischen Netz aus Hohlräumen unterhalb von Paris entstanden ist. 1,5 km davon sind für Touristen in den Grabstätten am Place Denfert - Rochereau zu sehen. Für die restlichen über 300 km ist der Zugang verboten – eine gute Voraussetzung für wild wuchernde Fantasien.
Besonders auf Montmartre wurde Gips in großem Stil abgebaut, der in Windmühlen gemahlen und zur Herstellung des sog. Pariser Gips verwendet wurde. Die beiden noch verbliebenen Windmühlen auf Montmartre an der Rue Lepic legen ebenso Zeugnis davon ab, wie der Name Place Blanche (an dem das Moulin Rouge liegt) daran erinnert, dass hier weißer Gipsstaub auf der Tagesordnung stand. Fast alle klassischen Häuser aus der Zeit des Stadterneuerers Haussmann im 19. Jahrhundert bestehen aus Kalkstein, ebenso die weltbekannte Kirche Notre- Dame. Nur für Sacré Coeur im Norden der Stadt wurde ein besonderer frostresistenter Travertin-Stein verwendet, weil die Kirche dauerhaft strahlend weiß über der Stadt stehen sollte, was bei Verwendung von Kalkstein nicht möglich gewesen wäre.
Die entstandenen unterirdischen Flächen wurden im Laufe der Jahrzehnte auch für andere Zwecke genutzt. Als der „Friedhof der Unschuldigen“ im Herzen von Paris (1. Arr.) im 18. Jahrhundert überfüllt war und die Hygiene-Richtlinien der Stadt verletzte, transportierte man ab 1875 die Gebeine von Millionen verstorbener Pariser in eine der viele Stollen, die die Stadt durchzogen. So entstanden die berühmten Katakomben in Montparnasse, die für schaulustige, sensationslüsterne Besuchern ein beliebter Besichtigungsort geworden sind. Noch heute müssen Eigentümer beim Verkauf einer Immobilie Interessenten ein Gutachten darüber vorlegen, dass der Untergrund des Kaufobjekts nicht aus einem ungesicherten alten Stollen besteht.

Die Katakomben von Paris haben schon immer die Fantasie der Menschen beschäftigt. Das „Phantom der Oper“ von Gaston Leroux (1910) schildert die tragische Geschichte des musikalischen Genies Erik, dessen Gesicht von Geburt entstellt ist, was ihn als einen von der Gesellschaft Missachteten in die Tiefen der Pariser Katakomben treibt. Nachdem die amouröse Beziehung zu einer Chorsängerin scheitert, zieht sich das Phantom in die Katakomben zurück und verstirbt. Auch Kriminalschriftsteller wie Peter May („Die Katakomben von Paris“) wussten die unterirdischen Stollen als Ort für wirkungsvolle Schreckmomente einzusetzen und seine Leser in furchterregender Spannung zu halten. In jüngster Zeit hat Xavier Gens bei Netflix mit dem Film „Unter Paris“ („Sous la Seine“, 2024) die Pariser Katakomben als Schreckensort in Szene gesetzt und zu einem großen Zuschauererfolg geführt.
Weil Geschichten aus den Katakomben von Paris vielen bekannt sind, konnte JR an dieses Vorwissen anknüpfen und seine Installation zum Publikumsmagnet machen. Als am Sonntag, den 28. Juni 2026, Besucher das überirdische - unterirdische Paris, das 24 Stunden geöffnet war, zum letzten Mal durchliefen, haben geschätzt Hunderttausende das Innere des Kunstwerks erlebt. Weitaus mehr sahen es von außen, obwohl die Installation zu Beginn wegen eines Unwetters in Teilen zerstört und erst wieder aufgebaut werden musste. Statt der geplanten 23 Tage (vom 06.06.-28.06) fand das Projekt dann nur 14 Tage (vom 15.06. – 28.06.26) statt.
Was konnte man erleben, wenn man durch die 120 Meter lange Installation lief, für die JR 18.900 Quadratmeter Leinwand mit hunderten von Helfern erstellt und dann zunächst auf einem stillgelegten Flughafen-Hangar aufgebaut hatte, bevor sie auf dem Pont-Neuf errichtet worden ist? Der Eingang in JRs Unterwelt begann von der linken Seite der Seine („rive gauche“) auf der Höhe des Reiterdenkmals Henry IV mit Blick auf die überbaute Brücke und das dahinterliegende Kaufhaus „La Samaritaine“, das eine wichtige Rolle für die Realisierung des Konzepts von JR spielte. Hatten wir erwartet in der brennenden Hitze von Paris stundenlang auf den Zugang zu der Installation warten zu müssen, so erwies die Befürchtung als völlig unzutreffend.
Die klugen Organisatoren der Installation hatten es geschafft, dass man ohne jede Wartezeit die „Caverne du Pont-Neuf“ betreten und sich auf das Abenteuer eines „Unterwelt“- Spaziergangs einlassen konnte. Wohlige Kühle legten sich rasch auf die erhitzten Körper der Besucher und ließen sie voller Freude dem hingeben, was JR und sein 800 Personen starkes Team erdacht und geschaffen hatten. Die Klangwelt für JRs monumentale Installation wurde von dem ehemaligen Daft-Punk-Mitglied Thomas Bangalter komponiert, der etwas weitaus Komplexeres als eine traditionelle musikalische Untermalung schuf. Was Bangalter als „Anti-Soundtrack“ bezeichnete, war eine Klanglandschaft, die wie eine Vibration und ein unterirdisches Beben wirkte.

Der Klang sollte dazu beitragen, Besucher aus dem städtischen Alltag zu entführen und ihnen das Gefühl von Tiefe, Faszination und Geheimnis zu vermitteln, das man beim Betreten einer natürlichen Höhle empfindet. Es sollte ein "Spaziergang ins Unbekannte" sein, der noch dadurch verstärkte wurde, dass man mit dem Handy via Snapchat Höhlenbewohner wie Fledermäuse sichtbar machen konnte. Wer sich darauf einließ, konnte nach wenigen Minuten in einen wohltuenden tranceartigen Zustand verfallen, der das hitzige Paris vergessen ließ. In den vielfältig gestalteten Höhlenwänden konnten geheimnisvolle Figuren erscheinen und rasch wieder verschwinden. Man glaubte, endlich die Katakomben von Paris zu bestaunen, die bis heute aus Sicherheitsgründen geschlossen sind.
Nach der Zeit- und Raumreise wurde der Besucher wieder ins hitzige Paris entlassen, wo ihn einer der Sponsoren des Projekts, das traditionelle Kaufhaus La Samaritaine mit einem fulminanten Angebot von Erinnerungsstücken an das einmalige Erlebnis erwartete. Wenn nun die Leinwände mit Fels- und Höhlenmotiven wieder abgebaut, eingerollt und gelagert werden, verlassen der Paris-Besucher die Stadt nicht nur mit dem Gefühl, Teilnehmende eines einzigartigen Kunstwerks gewesen zu sein, sondern auch voll unvergesslicher Bilder, die Paris beim nächsten Besuch anders erscheinen lassen. Die allemal kunstverwöhnte Stadt ist um ein Erlebnis und eine Erinnerung reicher geworden. Wer JRs Installation La Caverne du Pont-Neuf nicht gesehen hat, kann dies zwar per Buch oder Film nachholen. Das einzigartige Erlebnis vor Ort gewesen zu sein, ist so aber nicht zu ersetzen.
Siehe auch:
Martin Lüdke über den Katalog JR. La Caverne Du Pont Neuf
Erstellungsdatum: 01.07.2026