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Weltfrauentag

Wir sind Wasser

Betânia Ramos Schröder


Anlässlich des Internationalen Frauentags wurde im Kaisersaal des Frankfurter Römers die Choreografie „Corpus D'água“ von Bárbara Luci Carvalho aufgeführt. „Wir sind Wasser“ von Betânia Ramos Schröder ist ein Teil davon. Im Zentrum des Stücks stehen die Erfahrungen Schwarzer Frauen auf der Flucht, die Betânia Ramos Schröder in ihrem Text aus einer feministischen Perspektive eindringlich vor Augen führt.  

 

Wir sind Wasser. Kein stilles, kein gezähmtes – sondern ein Ozean, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Sie wollten uns als Tropfen sehen, einzeln, versickernd in einem Boden, der uns nie gehörte. Doch wir haben uns gefunden, gesammelt, miteinander verbunden. Jetzt sind wir Strömung, sind Gezeiten, sind eine Bewegung, die Steine schleift und Grenzen verwischt.

Sie sagten uns, Veränderung brauche Zeit – doch wessen Zeit verstreicht, während wir warten? Wessen Stimmen bleiben ungehört, wessen Geschichten ungeschrieben? Wir tragen die Narben eines Systems, das uns nur duldet, wenn wir uns fügen. Doch wir fügen uns nicht mehr. Wir nehmen Raum. Wir nehmen Sprache. Wir nehmen uns die Zukunft, die für uns nie vorgesehen war, und formen sie mit unseren eigenen Händen.

Sie sagten uns, wir seien zu laut, zu fordernd, zu viel – doch Wasser fragt nicht, ob es willkommen ist. Es bewegt sich. Es verändert Landschaften. Es gräbt neue Wege in die Erde und trägt fort, was nicht mehr standhalten kann. Wir fließen zusammen, aus vielen Quellen zu einem unaufhaltsamen Strom.

Es gibt keinen Feminismus ohne uns. Keine Gerechtigkeit, die uns ausschließt. Keine Revolution, die ohne unsere Stimmen Bestand hat. Und so schreiben wir – nicht mit Tinte, sondern mit Stimmen, die nicht mehr gebrochen werden können. Nicht aus Dankbarkeit, sondern aus Entschlossenheit. Nicht als Bitte, sondern als Tatsache: Wir sind hier. Wir waren hier. Und wir gehen nicht mehr.

Denn wir sind mehr als Widerstand – wir sind Schöpfung. Wir sind die Welle, die neue Ufer erreicht, die Flut, die verkrustete Strukturen aufweicht. Wir sind die Strömung, die alte Denkmuster fortträgt und Platz macht für eine Zukunft, in der wir nicht mehr um unseren Platz kämpfen müssen, weil sie von Anfang an mit uns gedacht wurde. Wir sind das Wasser, das nie versiegt. Wir sind die Bewegung, die nicht endet. Wir sind hier. Wir waren hier. Und wir gehen nicht mehr.


Zum Internationalen Frauentag auf dem Römer, Frankfurt am Main. Foto: Barbara Walzer

Erstellungsdatum: 19.03.2025