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„Antigone“, Tragödie nach Sophokles von Roland Schimmelpfennig am Staatstheater Wiesbaden

Wir wollen leben!

Walter H. Krämer


Tabea Buser. Foto: Maximilian Borchardt

Auf deutschen Bühnen hat derzeit „Antigone“ nicht ohne Grund Konjunktur. In seiner Tragödie thematisiert Sophokles den Zerfall von Moral und Verantwortung der Herrschenden und die Ohnmacht der Bürgerinnen und Bürger. Im vergangenen September brachte Selen Kara das Stück am Schauspiel Frankfurt auf die Bühne, im Oktober Mikheil Charkviani am Staatstheater Wiesbaden. Walter H. Krämer ist besonders von Mikheil Charkvianis Inszenierung begeistert. Seinem Urteil nach versteht es der georgische Regisseur, mit theatralen Mitteln die Figur und ihren Widerstand gegen staatliche Willkür mit deutlichem Gegenwartsbezug zu erzählen.

 

„Antigone“ uraufgeführt um das Jahr 442 v. Chr. in Athen ist derzeit wieder vermehrt auf deutschen Bühnen zu sehen. Ein Grund hierfür ist sicherlich das Gefühl, dass uns ihre Geschichte auch heute noch oder wieder viel zu sagen hat. Im Zeitalter der ruchlosen Politiker:innen scheint Widerstand gegen staatliche Willkür und die Verteidigung demokratischer Rechte mehr denn je notwendig. Sophokles' antike Tragödie ist nicht nur eine Tragödie des Rechts, sondern auch die einer Familie und des Menschen schlechthin. Sie handelt von Verantwortung, Ohnmacht und Selbstgerechtigkeit. Hierfür kann die Figur der Antigone beispielhaft gesehen werden. Gleichzeitig ist interessant zu sehen, wie die jeweiligen Inszenierungen mit der Form der Tragödie zur Zeit des Sophokles umgehen.

Sophokles formte das griechische Theater maßgeblich und etablierte es als eine der wichtigsten Kunstformen der Antike. Er führte den dritten Schauspieler ein, wodurch komplexere Dialoge und mehr Charaktertiefe möglich wurden, während die Anzahl der Schauspieler auf drei begrenzt blieb. Schauspieler trugen Masken, die die Charaktere und Emotionen übermittelten, da nur Männer auftreten durften und die Masken den Rollenwechsel ermöglichten. 

In der Inszenierung am Schauspiel Frankfurt in der Regie von Selen Kara (Premiere 20.09.2025) bekommt man eine Ahnung von dieser strengen Form durch das Bühnenbild, die Kostüme und das chorische Sprechen. Ergänzt werden hier die Texte mit Auszügen aus dem Drama „Ich, Antigone“ von Anna Gschnitzer. Das nimmt die sprachliche Wucht des Ursprungtextes zurück und sieht die Tragödie stark als familiären Konflikt. Am Berliner Ensemble stellt der Regisseur Johan Simons nur drei Spieler:innen – Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer und Jens Harzer - auf die Bühne und kommt so der antiken Form ganz nahe. Hier kann man vermuten, dass die Inszenierung ausschließlich durch den Text und die Sprachkunst der beteiligten Schauspieler:innen wirken wird. (Premiere am 15.01.2026) Am weitesten entfernt von der Form der antiken Tragödie hat sich der georgische Regisseur Mikheil Charkviani mit seiner Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden (Premiere am 24.10.2025) und zeigt gleichzeitig eine gesellschaftskritische Auslegung und Deutung der Tragödie.


Ensemble und Pianist:innen. Foto: Maximilian Borchardt


Im Angesicht der anhaltenden Proteste gegen den zunehmend autoritären und antidemokratischen Kurs der Regierung in seinem Heimatland Georgien, zeigt Mikheil Charkviani Antigones Weg als einen Akt des existenziellen Widerstands und der Aufopferung für die eigenen Werte. Dafür arbeitet er mit dem Komponisten Erekle Getsadze zusammen, stellt zwölf Klaviere auf die Bühne, nutzt dokumentarisches Videomaterial und konfrontiert die Zuschauer:innen mit der Frage nach ihrer Bereitschaft, moralische Werte und die Demokratie zu verteidigen. Das Sounddesign basiert auf zwölf präparierten Klavieren, elektronischen Klängen und einer Live-Performance des georgischen Komponisten Erekle Getsadze. In Kombination mit dokumentarischen Filmsequenzen entsteht eine Brücke zwischen antiker Tragödie und aktuellen politischen Bewegungen. Die Filmsequenzen setzen antike Konflikte in Beziehung zu aktuellen Unruhen in Georgien und Europa. 

Auf dem kleinen Bildschirm an der Decke werden Szenen des Widerstands aus verschiedenen Ländern gezeigt, darunter Georgien, Brasilien, Iran und China.  Die Videoerzählungen konzentrieren sich dabei auf Frauen, die unter verschiedenen Regimen Widerstand leisten. Einzelne Abschnitte wechseln mit jeder Aufführung, um eine jeweils andere Frau zu ehren.
Im Hintergrund der Bühne die Andeutung eines Wohnzimmers mit Marienstatue und Bildschirm, 
auf dem in Dauerschleife das Fußballspiel Brasilien gegen Italien während der Weltmeisterschaft 1982 zu sehen ist.

Mikheil Charkvianis Arbeiten wollen zum Dialog auffordern und Aufmerksamkeit für die gesellschaftlichen Entwicklungen schaffen: „So viele Leben sind in diesem Augenblick in vielen Teilen der Welt in Gefahr. Die Menschheit sollte jetzt darüber entscheiden, wie wir leben wollen und wie die Welt in Zukunft aussehen soll. Auch die heutigen EU-Länder werden von den Entwicklungen nicht unberührt sein. Es ist eine gemeinsame Verantwortung. Wir müssen etwas gegen die bedrohten demokratischen Werte tun.“ 


Sandrine Zenner. Foto: Maximilian Borchardt

 

Schon während des Einlasses in den Theatersaal ist das (Vor)Spiel im Gange. Man blickt auf die Bühne, die mit zwölf Klavieren bestückt ist und an denen Musiker*innen erste Töne erklingen lassen. Alle Personen der Tragödie sind auf der Bühne versammelt. Ab und an springt Kreon (Martin Plass) auf die Tastatur eines der Klaviere und rezitiert kurze Passagen aus der Vorgeschichte des Konfliktes um Eteokles und Polyneikes, wird leiser, bricht ab und kehrt zurück an seinen ursprünglichen Platz. Die anderen Figuren reagieren auf diesen Sprung.  Ismene (Sandrine Zenner) und Antigone (Tabea Buser) beispielsweise rennen immer wieder erschreckt nach hinten und Kreons Sohn Haimon (Abdul Aziz Al Khayat) steigt auf ein Klavier. Mit Kreon kehren sie dann wieder auf ihre Ausgangspositionen zurück. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrere Male.

Die Spielerin Trang Döng, die sich später als Botin / Wächterin entpuppt, läuft im Zuschauerraum umher und blickt mit Taschenlampe in die Reihen und in einzelne Gesichter der Zuschauer*innen. Als Zuschauer ist man irritiert, verunsichert.  Fühlt sich bedroht und beobachtet. Kann sich nicht bequem zurücklehnen. Verstecken hinter der sogenannten vierten Wand ist nicht. Das Saallicht erlischt und das Spiel beginnt: Antigone informiert ihre Schwester Ismene über die Pläne des Kreons, Polyneikes nicht zu bestatten und ihre Absicht, dies entgegen dem Verbot des Kreons doch zu tun.

Die Geschichte der Labdakiden beginnt mit König Laios von Theben, der durch die Entführung und Vergewaltigung des Chrysippos, Sohn seines Ziehvaters Pelops, einen Fluch auf sich und seine Nachkommen gezogen hat: Sein Sohn werde ihn töten und die eigene Mutter heiraten. Laios und Iokaste zeugen Ödipus, den sie aussetzen, aber er überlebt und wächst als Prinz von Korinth auf. Als Erwachsener kehrt Ödipus nach Theben zurück, tötet unwissentlich seinen Vater Laios und heiratet unwissentlich seine Mutter Iokaste. Aus dieser Verbindung entstehen die Kinder Antigone, Ismene, Polyneikes und Eteokles. Als Iokaste und Ödipus erfahren, dass sie Mutter und Sohn sind, sticht Ödipus sich die Augen aus und Iokaste tötet sich selbst. Jetzt regieren die Zwillinge Polyneikes und Eteokles, die sich die Herrschaft über Theben teilen sollen. Jedoch überlässt Eteokles Polyneikes nach einem Jahr nicht den Thron und es kommt in Theben zu einem Krieg zwischen den beiden Brüdern, an dessen Ende sie sich gegenseitig erstechen. 

Hier setzt „Antigone“ von Sophokles (496 - 405 v. Chr.) ein. Eine Stadt im Ausnahmezustand. Die Brüder tot. Die Stadt in Trümmern und der neue Herrscher Kreon muss das Chaos ordnen. Er übernimmt die Herrschaft und verweigert dem gefallenen Polyneikes die Bestattung, was Antigone dazu bewegt, sich gegen das Gesetz zu stellen, um ihrem Bruder die letzte Ehre zu erweisen. Sowohl Kreon als auch Antigone berufen sich auf das Recht und seine Legitimierung durch eine höhere Autorität: die Götter. Doch wer oder was bestimmt, was Recht ist, wenn das Recht selbst, das Konflikte und Widersprüche lösen soll, sich widerspricht?

Mikheil Charkviani wendet in seiner Inszenierung die biomechanische Methode – der Körper des Menschen wird verstanden als mechanische Maschine - nach Wsewolod Meyerhold an.  Durch choreografierte Bewegungsabläufe sollen die Schauspieler:innen in körperliche Zustände versetzt werden und in der Lage sein, spontan in eine geforderte Emotion hineinzufinden. Ausschließlich vom inneren Erleben auszugehen reichte nicht aus. Deshalb wurde mit Körperhaltungen und anderen „äußerlichen“ Anregungen gearbeitet, um die Emotionen der Darsteller in Gang zu bringen. Während der Proben zu „Antigone“ wurden deshalb verschiedene biomechanische Übungen erprobt und Körperhaltungen sowie Bewegungsabläufe gemeinsam entwickelt.


Tabea Buser. Foto: Maximilian Borchardt

 

Charkviani, der sich in seiner Heimat Georgien als politischer Aktivist gegen die prorussische Regierung einsetzt, sieht in der Widerstandsfähigkeit von Antigone eine Parallele zu (weiblichen) Widerstandskämpfen in autokratischen Staaten auf der ganzen Welt. Hierfür ein Beispiel ist ihm die Protestaktion einer iranischen Studentin: Aus Protest gegen die Kleiderordnung im Iran und die Basidsch-Miliz hat sich eine Studentin in Teheran bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Von dieser Aktion kursiert in den sozialen Medien ein Video. Zu sehen ist, wie eine junge Frau erst mit verschränkten Armen in BH und Unterhose auf einer Mauer sitzt, dann läuft sie auf und ab. Dazu trägt sie ihre Haare offen. Dieses Video ist Teil der Inszenierung und in Dauerschleife mehrfach zu sehen. 

Das Bühnenbild, das aus zwölf Klavieren besteht und in den Publikumsraum erweitert wird, ist der offene Bühnenraum bis hin zur Brandmauer, in dem sich durch Videoeinspielungen Zeitgeschehen mit der antiken Geschichte verbindet. Das Bühnenbild ist von einem Bild des Mariupol-Theaters inspiriert, das 2022 von russischen Bomben zerstört wurde. Die Gestaltung mit zwölf Klavieren basiert auf einem Foto einer Ausstellung in Kiew aus dem Jahr 2013, das Klaviere zeigt, die während des Bürgerkriegs im Freien zurückgelassen wurden. Für Mikheil Charkviani, so schreibt er nach Nachfrage in einer Mail an mich, ist es ein perfektes Bild des Krieges, da es die Überreste des durch den Konflikt zerstörten Alltags zeigt – gewöhnliche Gegenstände, verlassen und doch voller menschlicher Präsenz, die die Auswirkungen des Krieges auf Kultur und Menschen symbolisieren.

Antigone begehrt als Frau und Figur bedingungslos gegen ein patriarchales System auf und verteidigt das göttliche / das Menschenrecht gegen staatliche Willkür. Tabea Buser verkörpert diese Rolle glaubhaft und kann überzeugen. Bietet dem Herrscher Paroli und bleibt standhaft. Ein Bild prägt sich besonders stark ein: sie liegt mit dem Rücken auf dem Klavier, den Kopf in den Nacken gelegt, während sie mit dem auf einem Stuhl sitzenden Kreon (Martin Plass), anfangs männlich stur, gegen Ende ein gebrochener Mann, streitet. Dieser Schauspieler zeigt in seiner Rolle deutlich das Dilemma zwischen seinem politischen Interesse, ein starker und durchsetzungsfähiger Herrscher zu sein und seinem privaten Interesse, als Vater von Haimon und Onkel von Antigone, diese nicht sterben sehen zu wollen.


Tabea Buser, Martin Plass. Foto: Maximilian Borchardt

 

Antigone legt Verborgenes frei, überschreitet Grenzen und nimmt dabei keine Rücksicht auf die Ordnung, die Kreon zu verteidigen vorgibt. Sie bietet dem weggeworfenen Toten eine Bühne, und setzt damit einen Prozess in Gang, an dessen Ende Hoffnungen begraben und Familien zerstört sind. Nicht zufällig steht an den Wänden oder wird geschrieben: Graves between us! Antigone ist der Welt der Toten näher als der Welt der Lebenden, diese ist für sie eine Welt, in der die Toten verachtet, weggeworfen, entmenschlicht werden. 

Stark auch der Auftritt des blinden Schers Teiresias (Lasse Boje Haye Weber), der in Mehrgesichtsmaske durch den Zuschauerraum Richtung Bühne schlurft und König Kreon vor den Gefahren seines Handelns warnt. Dieser jedoch bleibt stur und ignoriert die Warnungen – dabei sollte er doch wissen, das bisher alle seine Prophezeiungen eingetreten sind.

Eurydike (Evelyn M. Faber), meist stumm, hat einen großen Moment, indem sie knien mehrfach die Götter anruft und um deren Hilfe bittet. Eindringlich vorgetragen und mehrfach wiederholt. 

In der Figur der Antigone sieht der georgische Regisseur Parallelen zu den aktuellen revolutionären Geschehnissen in Georgien: „Für mich ist „Antigone“ eine Tragödie über Brüder, über Prinzipien, über Ideale, die etwas Essenzielles sind, wenn du im Widerstand bist. Deine Ideale werden in einer solchen Situation zu etwas, das dich am Leben hält und gleichzeitig töten kann.“ 

In der Tat, ihren Bruder gegen das herrschende Gesetz zu bestatten und für ihre moralische Überzeugung ihr Leben zu riskieren, sieht Mikheil Charkviani eine Parallele zu den Menschen, die sich mit Aktionen, ihrer Kunst oder in den Straßen mit ihrem Körper, in den Dienst der demokratischen Werte und ihrer Überzeugungen zu stellen und diese mit großem Risiko für Job und Freiheit verteidigen. 

Eine besondere Rolle kam dafür in der Vergangenheit den Frauen zu: „Im Georgien der 90er-Jahre waren viele Menschen traumatisiert. Es war die Zeit des Bürgerkriegs, als sich Nachbarn, Verwandte und ehemalige Freunde gegenseitig in den Straßen bekämpften. Viele Menschen verloren den Lebensmut, wurden depressiv oder begingen Suizid. In dieser Zeit waren es die Frauen, die aufstanden und beschlossen „Wir wollen leben!“. Sie übernahmen Verantwortung und stellten sich – auch für ihre Männer und Kinder –gegen das kaputte System,“ sagt Charkviani.

Und da wären wir wieder bei der Figur der Antigone in der Inszenierung des georgischen Regisseurs, der es versteht, mit theatralen Mitteln die Figur und ihren Widerstand gegen staatliche Willkür für heute beispielhaft zu erzählen.

 

 

 

 

Evelyn M. Faber, Trang Dông
Foto: Maximilian Borchardt

„Antigone“
Tragödie nach Sophokles
von Roland Schimmelpfennig 

Staatstheater Wiesbaden

Regie & Bühne & Video: Mikheil Charkviani
Kostüme: Bettina Kirmair
Komposition & Bühnenmusik: Erekle Getsadze
Licht: Steffen Hilbricht
Dramaturgie: Cosma Corona Hahne
Vermittlung: Valentina Eimer
Abendspielleitung / Regieassistenz: Philippe Roth
Kostümassistenz: Annika Kuchnowski
Antigone: Tabea Buser
Ismene: Sandrine Zenner
Eurydike: Evelyn M. Faber
Kreon: Martin Plass
Haimon: Abdul Aziz Al Khayat
Teiresias: Lasse Boje Haye Weber
Eine Botin | Eine Wächterin: Trang Dông
Am Klavier:
Julius Bischofs
Noukie Sophie Nguyen
Anna-Lena Owen
Stephan Reinbacher

Weitere Aufführungen:

Staatstheater Wiesbaden

16. + 24. + 31. Januar
4. + 26. Februar 2026
jeweils um 19:30 Uhr

 

 

Erstellungsdatum: 10.01.2026