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Aus dem Notizbuch

Wunschkonzert

Eldad Stobezki


Nimm dieses Bild von mir aus längst vergang'nen Tagen. (Ausschnitt) Liebigbilder 1910. Serie 774. La Traviata. Akt III., Schlußszene. Foto: wikimedia commons

Ob im Radio oder im Fernsehen – wir erleben eine Hilflosigkeit gegenüber unserer Sprache, die eigentlich ins Kabarett gehört. Von der falschen Aussprache über den falschen Gebrauch von Vokabeln bis zum Jonglieren mit aufgeschnappten, missverstandenen Schlagwörtern und der abenteuerlichen Spontancollage mit Redewendungen und Metaphern – sie wissen nicht mehr, was sie sagen. Eldad Stobezki greift diese babylonische Verwirrung auf, aber auch manches zum Öffentlich-rechtlichen Sender, Adventskalender, Schwyzerdütsch und zu gelöschte Mails.

 

Zur Lage der Ukraine ist die Sicherheitsexpertin Dr. Claudia Major oft in Talkshows zu Gast. Gestern wurde sie per Zoom interviewt. „Die Lage in der Ukraine ist dramatisch. Es geht nicht nur um die Ukraine, es geht auch um uns“, sagte sie. Im Hintergrund auf einem Billy-Regal sah man den fast vertrockneten, armseligen Zweig eines Philodendrons.
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Im Interview mit einer grünen Politikerin (ich weiß nicht mehr, worum es ging) sagte sie: „Es ist klandestin und geheim.“
In einer Kultursendung, bei der Besprechung eines Gedichtbandes, bezeichnete der Moderator ein Gedicht als „kryptisch, auf jeden Fall geheimnisvoll“.
In der Rezension des Romans eines verstorbenen Schriftstellers sagte der Moderator: „Seine Texte glänzen durch Präzision und Genauigkeit.“
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Ukrainische Soldaten und speziell ausgebildete Bürger durchkämmen die Wälder, um sie von Landminen zu räumen. „Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis alle gefunden sind“, sagt die Moderatorin. Ich denke an Prinzessin Diana, die das Verbot von Landminen weltweit forderte, und an das Foto von zwei bosnischen Kindern, deren Beine von explodierten Minen verstümmelt waren. Als Soldat im Sinai 1970 wäre ich auch beinahe in ein Minenfeld getreten. Das laute Schreien meiner Kameraden, bevor sie mich wegzerrten, habe ich noch heute in den Ohren.
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BR-Klassik. 1. Advent. Wunschkonzert. Jürgen W. aus der Fränkischen Schweiz wünscht sich „Die Traviata“ und sagt dazu: „Ich habe Die Kameliendame gelesen und gehört, dass sie die Vorlage für die Oper von Verdi war.“ Sie spielen für ihn die letzte Arie aus dem dritten Akt: „Addio, del passato“. Selbstverständlich mit Maria Callas.
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Während einer Konzertpause erwähnte der Dirigent in BR-Klassik, er sei ein Wahlmünchner. Bin ich ein Wahlfrankfurter?
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In einer Komödie sagt die Frau zu ihrem Ehemann: „Du bist vielleicht nicht meine Medizin, aber du bist definitiv mein Lebensergänzungsmittel.“
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Ich bin wieder im Buchladen. Eine Kundin möchte einen Adventskalender kaufen. Er ist so groß wie eine Postkarte und zeigt einen Vogel. Die Kundin möchte wissen, was sich hinter den Türchen versteckt. Ich sage: „Keine Schokolädchen.“ Das war ihr klar, und sie fragt, ob ich einen Katalog habe, in dem man nachsehen kann, welche Bilder es sind. Den habe ich leider nicht. „Wissen Sie“, sagt sie, „den Adventskalender möchte ich meiner Lehrerin zum Geburtstag schenken. Ich habe sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Vielleicht sind das kindliche Bilder, die für eine alte Frau unpassend sind?“ Ich hätte ihr beinahe gesagt, dass es mit Sicherheit keine pornografischen Bilder sind, und fragte mich, ob es pornografische Adventskalender gibt. Wenn ja, dann gibt es sie sicherlich nur in Sex-Shops. Dann lässt sie mich wissen, dass sie keine Postkarten mit englischem Text mag – „Deutsch ist doch eine wunderschöne Sprache“ – und dass die Lehrerin auch nicht geduzt werden möchte. Sie verlässt den Laden, ohne etwas zu kaufen. Ich dachte, wie schrecklich, dass sie sich nach so langer Zeit immer noch vor der Lehrerin fürchtet.
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Mit Vergnügen lese ich „Zur Mündung“ von Franz Hohler. Ein schmales Buch mit 37 Geschichten. Da lerne ich, was „versömmern“ bedeutet: „Den Sommer (Vieh oder Mensch) auf der Alp verbringen.“ Und es gibt das Znüni. Das ist eine Zwischenmahlzeit um 9 Uhr. Als ich es abends einer Berner Freundin erzähle, fragt sie mich, ob ich wüsste, was Zvieri sei. Das ist einfach, sage ich: „Das ist die Zwischenmahlzeit um 16 Uhr.“ Wie sie ihr Bircher-Müesli zubereitet, fragte ich sie nicht.
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Nicht für jedes Wort gibt es ein Antonym. Eine Jugenderscheinung? Was soll das sein? Mode- und Musikstile, Slang, Freizeitverhalten, Dinge, die gerade in einer Generation angesagt sind? Oft steckt im Wort die unausgesprochene Annahme, dass das Ganze nicht dauerhaft ist, sondern „eine Phase“. Die Alterserscheinung ist keine Phase. Aber auch sie ist nicht dauerhaft.
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Als ich gelöschte Mails endgültig löschen wollte, sah ich die Überschrift eines Artikels über die Nazis, die die Spuren der Judenvernichtung vernichten wollten. Eine endgültige Löschung wird es nie geben. Die Weltfestplatte vergisst nichts.

Erstellungsdatum: 21.04.2026