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„Balkan Erotic Epic ist das ambitionierteste Werk meiner Karriere. Es gibt mir die Möglichkeit zu meinen slawischen Wurzeln und meiner Kultur zurückzukehren, auf alte Rituale zurückzublicken und mich mit Sexualität in Bezug auf das Universum und die unbeantworteten Fragen unserer Existenz auseinanderzusetzen. Mit diesem Projekt möchte ich Poesie, Verzweiflung, Schmerz, Hoffnung und Leiden zeigen und unsere Sterblichkeit reflektieren“, sagt Marina Abramović. Walter H. Krämer hat die vierstündige Performance bei der Ruhrtriennale gesehen.
Marina Abramović, die wohl weltweit bekannteste und erfolgreichste Performancekünstlerin rief und viele, viele kamen. Jeweils 1.100 Zuschauer*innen durften die Kraftzentrale, Spielort der Performance im Landschaftspark Duisburg-Nord, für die vierstündige Performance Balkan Erotic Epic betreten und sich frei im Raum bewegen – durften den Raum zeitweise verlassen und wieder zurückkehren. Dabei ist Balkan Erotic Epic kein vierstündiges Bühnenstück mit dreizehn aufeinanderfolgenden Akten, sondern die dreizehn Szenen laufen teilweise gleichzeitig, wiederholen sich und verändern sich im Laufe der vier Stunden.
Marina Abramovićs Kunstwerk Balkan Erotic Epic beschäftigt sich mit Sexualität, Fruchtbarkeit, Religion und alten Traditionen auf dem Balkan. Die Arbeit ist Teil einer Serie, in der Abramović sich mit kulturellen Ritualen und deren Bedeutung auseinandersetzt. Dabei verbindet sie traditionelle Bräuche mit einer modernen, teilweise provokanten Darstellung. Besonders auffällig ist der offene Umgang mit dem menschlichen Körper. In den dargestellten Ritualen spielen Sexualität und Nacktheit eine wichtige Rolle. Sexualität wird nicht nur als etwas Privates dargestellt, sondern als eine Kraft, die mit Fruchtbarkeit, Natur und dem Leben verbunden ist.
Marina Abramović wurde 1946 in Belgrad geboren. Ihre Eltern, Danica und Vojin Abramović, waren kommunistische Partisanen und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zu hochrangigen Funktionären im Tito-Staat. Der Vater arbeitete im Staatsapparat in Titos Umfeld; die Mutter leitete später das Museum der Revolution in Belgrad.

Gleichzeitig verbrachte Marina ihre ersten sechs Lebensjahre überwiegend bei ihrer Großmutter Milica. Diese war streng orthodox religiös und stand dem Kommunismus ablehnend gegenüber. Marina wuchs damit zwischen zwei extrem unterschiedlichen Weltdeutungen auf. Diese Gegensätze und widersprüchlichen Kräfte haben sie, so beschreibt es die Künstlerin selbst, stark geprägt. Ihre Kindheit bestand daher aus dem permanenten Gegensatz von Religion und Kommunismus, Mystik und Rationalität, Körper und Disziplin, persönlichem Begehren und politischer Pflicht.
Marina begleitete ihre Großmutter zur Kirche und erlebte dort Rituale, Weihwasser, Gesten und liturgische Handlungen. Diese frühen Erfahrungen mit Ritual und Transzendenz sind ein wichtiger Hintergrund dafür, dass Abramović später den Körper selbst zum Ort eines Rituals macht.
Abramović beschreibt ihre Mutter Danica als extrem streng und kontrollierend. Sie wurde von ihr regelrecht „militärisch“ erzogen. Ordnung war oberstes Gebot. Selbst das Bett musste perfekt gemacht sein; Marina durfte als Erwachsene noch lange abends nicht nach 22 Uhr das Haus verlassen. Sie berichtet außerdem von körperlichen Strafen und davon, dass ihre Mutter sie nie umarmte oder küsste.
Das Entscheidende ist aber: Danica war nicht einfach eine „böse Mutter“. Sie war eine außergewöhnliche Frau: Partisanin, Offizierin, Kriegsheldin, Intellektuelle und hochrangige Funktionärin. Abramović entdeckte nach dem Tod der Mutter sogar deren Tagebücher und war überrascht, wie emotional diese Frau innerlich gewesen war.
Aus diesem Widerspruch – die Mutter besitzt enorme Lebenskraft, hat diese Lebenskraft aber selbst unter Kontrolle gehalten – entwickelt Abramović in Balkan Erotic Epic eine Art posthume Befreiung der Mutter.

Abramović sagt selbst sehr deutlich, dass die Performance auch dazu gedacht sei, sich von der Mutter zu befreien. Sie wollte ihrer Mutter gewissermaßen das ermöglichen, was diese im eigenen Leben nicht zugelassen hatte.
Die Mutter wird von Maria Stamenković Herranz dargestellt. Sie erscheint zunächst als strenge kommunistische Frau in nüchterner Kleidung und führt den Trauerzug zu Titos Tod an.
Titos Tod steht dabei symbolisch auch für den Untergang Jugoslawiens. Die Mutter ist also nicht nur die private Mutter Abramovićs, sondern zugleich eine Verkörperung des alten Jugoslawiens. Doch im Verlauf der Performance verändert sich diese Figur.
Sie gelangt in die Kafana, die traditionelle Balkan-Taverne. Dort wird sie von Musik angezogen. Zunächst bleibt sie kontrolliert, dann beginnt sie zu tanzen. Allmählich verliert sie ihre Strenge, legt ihre Kontrolle ab und wird sinnlich und körperlich frei. Ein sehr schöner und emotionaler Moment innerhalb der vier Stunden: Die Tochter erfindet für ihre tote Mutter ein Leben, das diese nie führen konnte. Die Mutter soll in der Kafana „frei“ werden, so Marina Abramović, sie soll tanzen, Lust empfinden und ihre Sexualität erleben dürfen.
In der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord ließ Marina Abramović einen Parcours von dreizehn Szenen aufbauen. Zunächst wird das Publikum Teil eines Trauerzugs – symbolisch auch für den Tod Jugoslawiens – bei der Beerdigung von Tito (ehemaliger Präsident der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, geboren 1892, gestorben 1980) und läuft auf eine riesige Leinwand zu, in der Dutzende von Frauen sich rhythmisch auf die Brust schlagen und laut klagen.

Tito steht für das Jugoslawien von Abramovićs Kindheit. Sein Tod bedeutet das Ende einer politischen und persönlichen Welt der Künstlerin. Hier beginnt die Performance also nicht mit Erotik, sondern mit Tod, Trauer und politischer Erinnerung. In den unterschiedlichen Bildern und Szenen erkundet die Künstlerin Sexualität, Leben und Tod. Körper und Geschlechtsorgane sind dabei Gegenstand von Ritualen und Feierlichkeiten. Die letzte Szene zeigt einen Friedhof, auf dem sich nackte Körper mit Skeletten zwischen Grabsteinen bewegen und sich in Beziehung zu den Toten setzen.
Hier kann man sich – Stühle sind bereitgestellt – niederlassen und sich Gedanken an den Tod überlassen. Eintauchen in eine Welt, die uns meist verschlossen und die mit Tabus belegt ist. Teilweise stehen riesige phallische Formen im Raum. Nackte Männer winden sich auf dem Boden und vollziehen Bewegungen, die an sexuelle Handlungen erinnern. Sexualität nicht als private Angelegenheit, sondern als kosmische und landwirtschaftliche Energie. Der Penis wird dabei als Symbol von Lebenskraft, Zeugung und Naturmacht.
Eine Wissenschaftlerin erklärt anhand von Comic-Zeichnungen Rituale, die zeigen, wie sexuelle Handlungen Beziehungen zwischen den Menschen beeinflussen und sogar die Natur in ihre Schranken weisen soll. Dabei werden teilweise sehr drastische sexuelle Bräuche beschrieben – etwa Liebeszauber oder Rituale gegen Impotenz, und es stellt sich die Frage: Warum haben Menschen Sexualität, Fruchtbarkeit und Naturkräfte in Rituale übersetzt?
Eines dieser Rituale – „Den Regen aufhalten“ – ist dabei besonders interessant, und man sollte sich diese Szene für den Abschluss der vierstündigen Performance aufheben. Wenn es tagelang regnet und die Gefahr besteht, dass die Ernte vernichtet wird, laufen die Frauen eines Dorfes auf die Felder, heben ihre Röcke und strecken ihre Vulven dem Himmel entgegen, in der Hoffnung, dass der Regen aufhört. Hier in der Kraftzentrale fällt gegen Ende tatsächlich Regen vom Himmel, und die Frauen schreien lautstark und wollen die Götter mit ihren nackten Vulven erschrecken. Die weiblichen Genitalien werden zur Waffe gegen Naturgewalten. Und – im Theater ist alles möglich – der Regen hört tatsächlich auf, und die Frauen liegen sich beglückt in den Armen. Und das Publikum applaudiert.

Dramaturgisch gut gebaut, wenn danach in der Café-Bar im Balkan-Stil (Kafana Komplex) ein leises Lied erklingt und Stille einkehrt und dann die Zuschauer*innen unter Musikbegleitung den Raum verlassen. Draußen im Foyer legt die Band dann richtig los und die Party kann beginnen.
Marina Abramović nimmt die Rituale der Großmutter (Religion, Mystik, Körper, Transzendenz), die politische Welt der Eltern (Kommunismus, Krieg, Disziplin, Opfer) und die unterdrückte Sexualität der Mutter (Kontrolle, Scham, fehlende körperliche Freiheit) und baut daraus eine vierstündige Welt, in der diese Gegensätze miteinander verschmelzen: Das Private wird zum Mythos. Der Körper wird zum Ritual. Die Sexualität wird zur Lebensenergie. Die Mutter wird zur Figur der Befreiung. Die Erinnerung wird zur Performance. Und die Performance Balkan Erotic Epic zur Untersuchung und Darstellung des Zusammenhangs von Geburt, Tod, Religion, Gewalt, Erinnerung, Geschlecht, Natur und Identität.
Balkan Erotic Epic ist deshalb weniger eine Feier des Erotischen als eine vierstündige Beschwörung dessen, was die moderne Gesellschaft voneinander getrennt hat: Körper und Geist, Sexualität und Spiritualität, Geburt und Tod, Mutter und Tochter, private Erinnerung und kollektive Geschichte. Gerade in der Figur der Mutter wird sichtbar, dass Abramović nicht nur alte Balkanrituale rekonstruiert, sondern ihre eigene Kindheit neu inszeniert – und der Mutter auf der Bühne jene körperliche Freiheit schenkt, die sie ihr im Leben nicht zugestehen konnte. Man kann Balkan Erotic Epic als großes autobiografisches Ritual der Rückaneignung verstehen.
Bei frühen Arbeiten von Marina Abramović ging es häufig darum, dass Kunst und Leben gefährlich nahe aneinandergeraten. Der Körper der Künstlerin war nicht nur Bild oder Symbol, sondern tatsächlich gefährdet, erschöpft, verletzt oder der Reaktion des Publikums ausgesetzt.
Bei Balkan Erotic Epic gibt Abramović diese körperliche Ausführung weitgehend an andere Performer*innen ab. Sie ist vor allem Autorin, Regisseurin und Instanz hinter dem Ritual.
Die junge Abramović machte ihren eigenen Körper zum Material der Kunst. Die späte Abramović macht die kulturelle Erinnerung an den Körper zum Material.
Die Performance zeigt Körper, Nacktheit und sexuelle beziehungsweise genitale Symbolik. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass sie erotisch wirkt. Erotik setzt normalerweise eine Spannung zwischen Zeigen und Verbergen, Nähe und Distanz, Begehren und Verweigerung voraus. Ein ritualisierter nackter Körper wird zum Symbol. Balkan Erotic Epic kann deshalb als späte Selbstbefragung Abramovićs verstanden werden. Sie kehrt zu ihren Ursprüngen zurück und nimmt fast alle großen Themen ihrer Kunst noch einmal auf: Körper – Schmerz – Sexualität – Tod – Ritual – Transzendenz – Erinnerung – Publikum.
Die Stärke der Arbeit liegt dabei in der enormen Bildkraft und in der Verbindung von persönlicher Erinnerung mit kollektiver Mythologie und rekonstruiert das Archaische als hochprofessionell produziertes Großereignis mit den Mitteln eines globalisierten Kunstbetriebs.
Siehe auch: Walter Krämer über Marina Abramovićs Ich bereue gar nichts
Erstellungsdatum: 16.09.2026