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Philipp Stadelmaier über den Film „Die Odyssee“ von Christopher Nolan

Der Bart des Odysseus

Philipp Stadelmaier


Screenshot „Die Odyssee“ von Christopher Nolan

Wie Christopher Nolans ODYSSEE zeigt, lassen sich antike Mythen in erfolgreiche Blockbuster verwandeln. Philipp Stadelmaier fand sich vor der Leinwand allerdings in einer paradoxen Situation. Der Film habe ihn überwältigt, zugleich aber indifferent gelassen, ihn erobert, ohne irgendetwas in ihm zu berühren. Obgleich auf jede tolle Szene ein schlecht gefilmtes Gemetzel oder pathetischer Spruch erfolgte, kommt er zu dem Schluss: „Ich mochte den Film dennoch.“ Nicht zuletzt, weil er über die „neoreaktionär-rassistischen Anfeindungen“ von Musk, Thiel oder Yarvin einen „beruhigenden Sieg“ errungen hat.

 

Also, die ODYSSEE. Endlich gesehen. In einem IMAX-Saal, aber nicht auf 70mm-IMAX, und damit nicht in der von Nolan intendierten Version. Erstes Paradox: Niemand sieht diesen Film wirklich. Es sei denn in einem der weltweit nur 40 (restlos ausverkauften) Kinotempel in Städten wie Brüssel, Montpellier, Melbourne oder London. Nur dort spielt es die wahre ODYSSEE. Alle anderen sehen, selbst auf einer IMAX-Leinwand, ein Odysseechen. So wie ich.

Nun, selbst das Odysseechen hat es in sich. Ich saß da, gebannt, drei Stunden lang, in einem ebenso gebannten, hochkonzentrierten, knallvollen Saal: ein junges, erstaunlich ruhiges Publikum, vertieft in die Welt des Films. Die Frage bleibt, was ich sah, was sie sahen. 

DIE ODYSSEE ist, noch im Diminutiv, ein Ereignis – was immer man davon halten mag. Natürlich würde ich standhalten und mich nicht verführen lassen von den Sirenen der Marketingmaschinerie, und doch wurde ich schwach: Die Tage um den Kinostart verbrachte ich auf den Sozialen Medien und schaute mir an, was immer ich finden konnte. Aufgrund seines (diversen) Casts wurde der Film zum Gegenstand neoreaktionär-rassistischster Anfeindungen und trug durch seinen enormen Erfolg einen beruhigenden Sieg davon: Man kann sich glücklich schätzen, dass die von Musk, Thiel und Curtis Yarvin belagerten, von ihnen so genannten „Kathedralen“ (= die linksliberal dominierten Kulturindustrien und Akademien, mit ihrem Anspruch an Diversität usw.) Stand halten, und wenn ein Film einer Kathedrale gleicht (es gibt sicher schönere und filigranere), dann dieser. Die wesentlich dezenter formulierte Kritik der anderen Seite – Nolan kann noch immer keine interessanten Frauenfiguren inszenieren – erscheint mir dabei ebenso nachvollziehbar wie trivial: Bei Nolan sind alle Figuren gleichermaßen interessant oder uninteressant, ohne jegliche Tiefe und Spiritualität, die Frauen nicht weniger als die Männer: „an uncomplicated man“, wie die Homer-Übersetzerin Emily Watson Nolans Odysseus in ihrem tollen Verriss für die London Review of Books so treffenderweise bezeichnet hat.

Aber das macht nichts. Alle, die spielen, spielen weniger homerische, „interessante“ oder mythologische Figuren; sie spielen eine Funktion in Nolans Struktur, in einem System, das wichtiger ist als sie; sie sind mit ihren Körpern, ihrer Mimik, ihren Kostümen Teil der (allseits kolportierten) enormen körperlichen Anstrengung, diesen Film zu machen, so echt wie möglich, ohne CGI (daher auch die „heutige“ Sprache des Films); und in dieser Hinsicht sind sie alle hervorragend und berührend, ohne, paradoxerweise, uns als Figuren emotional zu beschäftigen: Berührend ist allein ihr Opfer für die Existenz des Films selbst.

In dieser Hinsicht hätte der (echte!) Bart von Matt Damon eine eigene Analyse verdient (so wie sich Erich Auerbach Odysseus’ Narbe zuwandte). Er erschien mir wie das Zeichen jener Maske (so wie Odysseus am Ende maskiert, als Bettler, nach Ithaka zurückkehrt), mit der sich Nolan, der Schöpfer, in seinen Film „einträgt“.

Denn Odysseus verliert sein Gedächtnis und muss, ermuntert von Kalypso, sich an seine Geschichte „erinnern“. Er ist innerlich leer; nach seinem Schiffsbruch heilt nur sein Körper, nicht sein Geist. Nun gibt es bei Nolan immer diese Leere, in der die Schöpfung / die Erzählung / der Film erst anheben kann (oder in die alles wieder zurückkehrt) und in der Nolan seinen Film dem Publikum „präsentiert“. Eine Leere, aus der immer neue, entgrenzte labyrinthische Architekturen entstehen. Das genaue Sujet ist eine reine Funktion, eine Variable. In diesem Fall ist es Homers ODYSSEE.

Odysseus ist da auch eine Hülle für Nolan als „leeren“ Autorenfilmer (ein „Niemand“, als der sich Odysseus bei Homer dem Kyklopen gegenüber zu erkennen gibt, auch wenn diese Stelle im Film nicht vorkommt), dessen „komplexe Erzählweise“ weniger einen erzählerischen Enthusiasmus erkennen lässt als einen frustrierenden Professionalismus, ein „Opfer“ für das Publikum: Für jede tolle Szene (der Dialog zwischen Damon und Hathaway am Ende, die kurzen Szenen im trojanischen Pferd, die Erinnerung an die Vernichtung Trojas, die Entdeckung der Narbe) folgt ein schlecht gefilmtes Gemetzel, ein pathetischer Spruch, ein zu schneller Schnitt. 

Man könnte auch sagen: Nolan sucht noch immer ein Gleichgewicht aus Klassik und Moderne, David Lean (dem großen Spektakel) und Alain Resnais (dem temporalen Labyrinth); daher seine seltsame (und hoffnungslose) Faszination für Tarkowski und Kubrick, die Synthese aus sublimer Form und Komplexität, Architektur und Sinnlichkeit. 

Ich mochte den Film dennoch (allerdings bin ich kein Gräzist). Ich mochte die Musik von Ludwig Göransson und die zeitlichen Sprünge fühlten sich organisch an. Was mich überraschte, da ich OPPENHEIMER in dieser Hinsicht unerträglich fand. Aber was genau mochte ich sonst? Sicher nicht den für Nolan symptomatischen Mangel an Humor. Sicher nicht seinen Umgang mit dem Vergehen von Zeit (10 Jahre, aber alles passiert zu schnell, im Gegensatz zu den Filmen von Lean). Und sicher nicht das Meer, das in Godards und Piavolis Annäherungen an Homers Epos zur irisierenden Projektionsfläche wurde, während es hier, gefilmt mit maximalem Aufwand, lediglich die Totalität einer mythenfreien, mit Étienne Souriau „profilmischen“ Wirklichkeit aufschäumen lässt.

Und darin liegt das eigentliche Paradox dieses Films, der mich überwältigte, aber indifferent ließ; der mich eroberte und berührte, ohne irgendetwas in mir anzurichten oder zu berühren. Ein Paradox, das sich im (natürlich gewachsenen) Bart von Matt Damon verdichtet: diesem Zeichen einer Persönlichkeit/Intimität ebenso wie einer Maske/Anonymität, von Odysseus ebenso wie von Nolan; dieser Zertifizierung der „Echtheit“ eines einzigartigen naturalistischen Films, der unter großen Mühen den Elementen abgerungen wurde, aber keinen anderen Mythos kennt als seine eigene Existenz, sein eigenes, hypermediatisiertes Ereignis.

Eine letzte Bemerkung. Nolans Filme sind das trojanische Pferd, durch das das (Hollywood-)Kino seine letzten Siege feiert und dabei doch seine Vernichtung in Kauf nimmt. Bei all der von Nolan intendierten „Rettung des Kinos“ durch größtmögliche Blockbuster ist die ODYSSEE der Film, der heute „das ganze Kino“ in sich vereint, der letzte Film, der alle anderen Filme und noch sich selbst hinter sich lässt, den man nur auf 40 Leinwänden „wirklich“ sehen kann und über den alle sprechen, während hinter Nolans Namen und Erfolg selbst die Meriten von Spielberg, Cameron, Paul Thomas Anderson oder Scorsese verzwergen, von allen anderen ganz zu schweigen.

Man sieht auch nicht, was nach Atombombe und Homer für Nolan noch kommen soll. Klar, dass dieser Triumph mit einem schlechten Gewissen einhergeht, bei Odysseus ebenso wie vermutlich bei Nolan, und an dem die Tatsache nichts ändern wird, dass die meisten Leute niemals die ODYSSEE sehen werden, sondern höchstens, wie ich, ein Odysseechen.


Siehe auch:  Evangelia Kelperi  TEXTOR 03.06.2026                   .       

 

 

 

Erstellungsdatum: 03.08.2026