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Porträt des Autors und Herausgebers Ralf-Rainer Rygulla

Der Zeit stets voraus, leistet Ralf-Rainer Rygulla in vielen Bereichen Pionierarbeit. So revolutionierte er etwa in den 1960er Jahren mit Übersetzungen amerikanischer Undergroundliteratur den deutschsprachigen Literaturbetrieb, später führte er als DJ im „Cooky’s“ Hiphop und Rapmusik in Frankfurt ein. Seit Anfang der 2000er Jahre widmet sich der frühere Lektor, Textdichter und Drehbuchautor wieder ganz der Literatur. Wolfgang Rüger ist schon lange mit ihm befreundet und gibt Einblick in die bewegte Vergangenheit des Multitalents.
In Frankfurt bewohnte er eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Westend. Schon beim ersten Umschauen wusste der Besucher, dass hier ein Mensch lebt, der viel mit den verschiedensten Kulturbereichen zu tun hat. Da stehen neben- und stapeln sich übereinander CDs (ausschließlich Klassik), diverse Zeitschriften und Tageszeitungen, Video-, Fernseh- und Tonbandgeräte, Bücher (viel Lyrik), Schallplatten, Tonband- und Videokassetten. Ralf-Rainer Rygulla war und ist unter anderem Buchhändler, Übersetzer, Drehbuchautor, Lektor, DJ, Sänger, Textdichter, Musikkritiker, Geschäftsführer. Seinen Werdegang kann man nur verstehen, wenn man die Biografie chronologisch erzählt.
Geboren wurde er 1943 in Kattowitz, „30 km von Auschwitz entfernt", 1950 kam er nach Westdeutschland, wo er in Ostwestfalen seine Kindheit verbrachte. 1960 begann er in Essen eine Buchhändlerlehre und lernte dabei Rolf Dieter Brinkmann kennen. Eine Freundschaft begann, die für beider Entwicklung von entscheidender Bedeutung sein sollte. 1963 ging Rygulla nach London, um dort als Buchhändler und Juwelier zu jobben. In „Swinging London" passierten zwei entscheidende Dinge: zum einen wurde Rygulla von der Popmusik gepackt, ein Livekonzert der damals noch gänzlich unbekannten “The Who” wurde zum Auslöser, zum anderen entdeckte er eine Literatur, die bis dahin in Deutschland fast keiner kannte, „Heftchen, hektographierte Sachen mit diesem neuen Ton, der aus Nordamerika rüberkam". 1967 kehrte er London den Rücken und kam, beladen mit kiloschwerem Material, nach Köln. In diesem Jahr machte er das Abitur nach, gab die Anthologie „Fuck you” heraus und jobbte im Zeitungsarchiv des WDR. Nach bestandenem Abitur schrieb er sich an der Pädagogischen Hochschule in Köln ein und begann mit Brinkmann, der mittlerweile ein vielbeachtetes Talent in der deutschen Literaturszene geworden war und ebenfalls an der PH studierte, das aus London mitgebrachte Material in größerem Stil aufzuarbeiten.
Die Jahre 1968 bis 1970 wurden zu einem ersten produktiven, verlegerischen Höhepunkt im Leben Rygullas. Mit „Fuck you” legte er den Grundstein zum Durchbruch der amerikanischen Undergroundliteratur in der Bundesrepublik. Mit den Little Mags „Erwin's”, „Der Gummibaum“ und „Der fröhliche Tarzan” belebten er und Brinkmann entscheidend die deutsche subkulturelle Literaturszene, und mit den beiden horizontaufreißenden, wegweisenden Anthologien „Acid” und „Silverscreen” (bei letztgenannter Anthologie bleibt seine Mithilfe ungenannt) revolutionierten sie den gesamten deutschsprachigen Literaturbetrieb. In Planung war noch eine von Rygulla edierte Anthologie mit englischer Lyrik, „Die schnellste Pizza der Welt“ ist dann aber leider nie erschienen.
„Acid” war eine wichtige Station im Leben Rygullas. Über „Acid” gab es nicht nur Kontakte zu allen wichtigen amerikanischen Autoren, sondern auch Stellenangebote von Verlagen. Zum Jahreswechsel 1969/70 holte ihn der Verleger Jörg Schröder nach Frankfurt, wo Rygulla im März Verlag das Lektorat für das allgemeine Literaturprogramm (mit Schwerpunkt amerikanische Literatur) übernahm. Unter seinem Lektorat erschienen unter anderem Bücher von Crumb, Kesey, Castaneda, Cohen, Padgett.
Nach seiner sehr erfolgreichen, zweieinhalbjährigen Arbeit im März Verlag wurde er freier Lektor bei Rowohlt, sollte dort die schöngeistige Schiene in der Reihe „das neue buch” betreuen, aber die Zeit für das Schöngeistige war Anfang der Siebziger endgültig vorbei. „Das Klima in Westdeutschland war nicht danach, es war alles politisiert, es war plötzlich alles furchtbar akademisch, theoretisch. Es herrschte eine kunstfeindliche Atmosphäre.” 1974 übersetzte er noch zwei Theaterstücke: „Vor der Nacht“ von David Ratkin, „ein sehr merkwürdiges, mysteriöses Stück“ und von Tuli Kupferberg „Vietnam Mama”, „ein polemisches Anti-Vietnam-Stück”. Danach hatte er die Schnauze endgültig voll vom ganzen Literaturrummel, es erfolgt eine rigorose Zäsur.
Nach dem radikalen Schnitt begannen Jahre der Neuorientierung, und wie oft in solchen Situationen spielte der Zufall eine große Rolle. „Bei einem Bekannten von mir, dem Pächter der Disco Chez nous, habe ich mir Geld geborgt, aber der sah schon, dass ich es nicht zurückzahlen konnte, also habe ich angefangen, bei ihm zu jobben.” Als der DJ krank wurde, sprang Rygulla für ihn ein und legte den Grundstein für eine zweite, musikalische Karriere. Eigentlich, gesteht er, „interessierte mich die damalige Popmusik gar nicht“, er stand mehr auf Avantgardemusik, hörte am liebsten Robert White und Soft Machine, „aber offensichtlich hatte ich doch ein Gefühl dafür und habe die Leute tanzen lassen“.
1977 schrieb er zusammen mit Hannes Eiber ein Drehbuch, für das sie sogar die Optionen an eine Münchner Produktionsfirma verkaufen konnten. Die Realisierung ihrer Filmkomödie, die sich an die Geschichte der Band „Ton Steine Scherben” anlehnte, kam letztlich doch nicht zustande, weil das Fernsehen wegen der kritischen Zwischentöne nicht koproduzieren wollte.
1978/79 sind die nächsten Stationen die Discos „Jardin“ und „Calypso”. „Da habe ich einfach den guten Namen, den ich schon hatte, hingetragen. Zu dieser Zeit war in den Discos der Happysound angesagt und verlangt. 1980 schließlich kam Rygulla in das „Cooky’s” und dann wurde alles ganz anders. Das Cooky's war damals gerade ein Jahr alt, ein Großteil des Publikums kam aus dem Red-Light-Milieu, und in der Musikszene tat sich allerlei. Rygulla vertraute auf seine Intuition und leistete wieder mal Scout-Arbeit. Ausgestattet mit einer starken Schwäche für das Innovative, fühlte er, „dass Musik nicht nur Rhythmus sein kann, sondern auch Identifikations- und Unterscheidungsmerkmal“. Gegen den teilweise massiven Widerstand des damaligen Stammpublikums setzte er seinen Musikgeschmack durch, verpasste dem Cooky’s ein unverkennbares Rygulla-lmage und veränderte langsam aber sicher das Publikum, milieu- und bewusstseinsmäßig. Auf das kleine, aber vorhandene Frankfurter Bohème-Publikum zählend, stand das Cooky’s fortan für Experimentelles, Neues, Außergewöhnliches in der Musikszene. Rygulla war der erste in Frankfurt, der die Neue Deutsche Welle massiv gepuscht hat und sie als erster wieder fallen ließ, als sie Mode geworden war. Er war der erste, der Hiphop- und Rapmusik in Frankfurt gespielt hat. Immer war er als DJ seiner Zeit ein kleines bisschen voraus. Die Musikpolitik des Ralf-Rainer Rygulla hat das Cooky's und sein Publikum zu dem gemacht, wie wir es heute kennen und schätzen. Das Cooky's zählt heute zu den fünf wichtigsten und bekanntesten Clubs in der Bundesrepublik.
Musik hatte im Leben von Rygulla „immer einen sehr großen Stellenwert“. In seiner Jugendzeit hörte er am liebsten Jazz und Klassik, in den Sechzigern waren es Gruppen wie Velvet Underground, Zappa, Love, Quicksilver, die ihn beeinflussten, als DJ hatte er tagtäglich beruflich mit Musik zu tun. In der Zeit hat er auch Musikkritiken im Pflasterstrand geschrieben und diese Plattform, wie es eine Kritikerin formulierte, dazu benützt, „einzelgängerische Entwicklungen in der Popmusik vorzustellen und einen Beitrag zur musikalischen Geschmacksbildung zu leisten”.
Da kann es kaum verwundern, wenn jetzt am Ende dieser Kette das Musikmachen selbst steht. In seiner Cooky's Anfangszeit lernte Rygulla Heinz Peter Felber kennen, der ihn „in die Welt der Musik eingeführt hat, d.h. in die aktive, in das Musikmachen”. Schnell entwickelte sich eine enge Freundschaft zu dem gelernten Musiker. Felber wurde zweiter DJ im Cooky's, und beide gründeten die Gruppe „Moltostuhl”. „Seitdem bin ich Musiker, genauer, Sänger“, sagt Rygulla etwas polemisch. Er ist für die Texte zuständig und „sprechsingt”. 1982 erschien eine erste EP mit dem Titel „Es kitzelt“, kurz darauf folgte die LP „Leben und Sammeln“. Im Herbst 1987 wird die LP „Die Qual der Belgier“ folgen.
Am 1. Juli 1986 folgte dann die zweite große Zäsur in Rygullas Leben. Er wird Geschäftsführer des Cooky's und hört auf, DJ, Raucher und Popmusikhörer zu sein. Hatte er „jahrelang mit Lust und Freude Platten aufgelegt, Programme zusammengestellt, sich überlegt, wie’s weitergeht, welche Sounds zeitgemäß sind“, so war er „das letzte Jahr als DJ sehr unzufrieden“. „Es gibt seit längerer Zeit nur noch Wiederholungen in der Popmusik“, behauptete er und das langweilte ihn. „Die Popmusik hat aufgehört, mich zu interessieren.“
„Ich habe da ein großes Nachholbedürfnis“, sagte Rygulla und meinte damit, dass ihm das Klassische heute näher liegt als das Zeitgenössische. „Ich lese gerade Thomas Mann und Proust, wechselweise.“ Und wenn er in seinen eigenen vier Wänden Platten auflegte, dann waren es fast ausschließlich klassische. Bestand hatte über all die Jahre eigentlich nur die Liebe zum Schöngeistigen, zum Sinnlichen. Was lag da näher, als mit ein paar Freunden die „Kulinarische Diktatur” auszurufen. In regelmäßigen Abständen traf man sich zum Kochen, Essen, und hinterher wurde debattiert – natürlich über Schöngeistiges. Im ZK saß übrigens damals Rygulla, Bernd Eilert und Gerald Zschorsch.
Es scheint so, als wäre Rygulla ein Mensch mit klaren Vorstellungen und konsequenten Entscheidungen. Am Ende einer Entwicklungsphase angekommen, hat er immer einen unwiderruflichen Schlussstrich gezogen. Danach kam immer etwas ganz anderes, und immer war es eine Pionierarbeit. Ich bin gespannt, wohin uns dieser Scout als nächstes führen wird.

Ende Januar 2026 sitze ich in einer verschneiten Nacht Ralf-Rainer Rygulla in seiner kleinen Neu-Isenburger Wohnung gegenüber, um mir die zweite Hälfte seines Lebens erzählen zu lassen. Viele Jahre hatten wir uns fast aus den Augen verloren, sind uns nur sporadisch bei der ein und anderen Literaturveranstaltung über den Weg gelaufen. Vor zwei Jahren hat sich unser Kontakt dann wieder intensiviert. Nach der endgültigen Trennung von seiner Frau und dem Umzug von der Frankfurter Bleichstraße in den Nachbarort wollte er unter vieles in seinem Leben einen Strich ziehen. Er sortierte seinen bedeutenden Brinkmann-Nachlass und verkaufte ihn an das Literaturarchiv in Marbach. Er mistete seine Bibliothek aus und verkaufte fast alles an mich. Und er trennte sich von knapp 5000 Schallplatten. In den Regalen stehen jetzt nur noch die geliebten Gedichtbände, wenige CDs mit vorwiegend klassischer Musik und die Bücher, an denen er irgendwie beteiligt war: als Autor und Herausgeber, als Inspirator oder als Lektor.
In den achtziger und neunziger Jahren war Rygulla eine Institution im Frankfurter Nachtleben. Das Cooky’s, für dessen Geschicke er als DJ von 1979 bis 1986 und danach bis 1996 als Geschäftsführer verantwortlich war, hatte deutschlandweit einen guten Ruf. 100 Meter davon entfernt gab es am Roßmarkt eine trostlose Fußgängerunterführung, mit der der Frankfurter Magistrat nichts Rechtes anzufangen wusste. Der damalige OB Andreas von Schoeler phantasierte in einem Interview darüber, dass man dort eventuell auch eine Disco einrichten könnte. Rygulla gefiel die Idee. Er suchte finanzkräftige Mitstreiter und gemeinsam gingen sie das Projekt U60311 an. Zwei Jahre lang wurde umgebaut. Der geplante All-Nighter-Club begeisterte selbst die neue Oberbürgermeisterin Petra Roth. Für die VIP-Opening-Party hatte sich Rygulla was Besonders ausgedacht: Zur Verblüffung der anwesenden Prominenz trug der Frankfurter Dichterfreund Gerald Zschorsch seine Gedichte vor. Kurz nach der Eröffnung gab es diverse Preise. Aus der Hand von Bundespräsident Johannes Rau nahmen der stolze Bauherr Rygulla und seine beiden Architekten Bernd Mey und Christian Pantzer z.B. einen Award für das architektonische Konzept entgegen.
Am 3. Oktober 1998 wurde der neue „Wochenendladen“ eröffnet und Frankfurt hatte einen neuen Hotspot. Die Schließung des legendären „Omen“ und die Eröffnung von U60311, kurz U60, lagen eng beieinander. Spätestens nachdem Sven Väth seine angesagten Cocoon Clubbings unterm Roßmarkt veranstaltete, gehörte das U60 zu den besten Techno-Clubs der Republik und wurde wiederholt zum Club des Jahres gewählt. Rygulla war als Mitinhaber und geschäftsführender Gesellschafter der Spiritus Rector und auf der Spitze seiner Karriereleiter. Die Partys waren Highlights, und das Publikum kam regelmäßig aus ganz Deutschland angereist, um dort feiern zu können. Kein Wunder, spielten doch all die großen nationalen wie auch internationalen Acts regelmäßig im U60.
Der Club glänzte durch seine technische Ausstattung, eine ausgefeilte LED-Deckeninstallation und seine von der Tanzfläche etwas abgegrenzte U-Bar. Dort lebte Rygulla seine zweite Leidenschaft neben der Musik aus. „Die Bar war genau das Richtige für Lesungen“, schwärmt er noch heute. Durch seine Kontakte zu Verlagen, unter anderem zu Adrienne Schneider, bei Suhrkamp verantwortlich für Veranstaltungen, gab es unter seiner Regie fast fünf Jahre lang regelmäßig Lesungen in der Disco. Darunter so illustre Namen wie Schlingensief, Meinecke, Kurzeck, Zaimoglu, Kehlmann, Biller, Witzel, aber auch internationale Größen wie Douglas Coupland und Michel Houellebecq traten auf. Zweimal las Jamal Tuschick, der in den ersten zwei Jahren als „Ticket-Kontrolleur“ auch zur Mitarbeiter-Crew des Clubs gehörte.
Der Absturz kam nach vier Jahren. Im Mai 2002 gab es eine Drogenrazzia, es wurden mehrere Personen verhaftet, und das Ordnungsamt schloss den Club für zwei Wochen. Die Politik gab sich empört über „die unhaltbaren Zustände“, den offensichtlichen Konsum und Handel von Drogen im Club, mutmaßlich organisiert von den Leuten an der Tür. Szenekenner beschrieben es so: „Das Endresultat waren Massen an verpeilten, bleichen und zittrigen Ravern, die am Morgen, wenn die Sonne schon längst wieder schien, die Oberwelt betraten und wie Zombies durch die Innenstadt wankten.“ Die Politik wollte ein Exempel statuieren. Es musste ein Bauernopfer her. Rygulla wurde vom Ordnungsamt als Geschäftsführer abgesetzt. Diese „beschissene Gemengelage“ sieht er bis heute als „persönliches Versagen“.
Er verschwand aus dem Rampenlicht. In den nachfolgenden Jahren war seine Rolle die des Beraters. Durch seine vielfältigen Kontakte in der Szene machte er für andere dies und das. Wichtig war nur, „es musste etwas mit Reisen zu tun haben“. So tourte er zum Beispiel als Fuhrparkorganisator mit Robbie Williams durch Europa und arbeitete mehrfach in China und Südkorea als Simultanübersetzer für einen Patentmanager. Heute – mit 82 Jahren – hat er seinen Radius etwas eingeschränkt. Im Rahmen der Nachbarschaftshilfe gibt er Nachhilfe in Deutsch und Englisch und hilft, Buch-Projekte in Eigenverlagen und bei Books on Demand zu realisieren.
Seit seiner Demission spielt die Literatur wieder die Hauptrolle in seinem Leben. Mit der damaligen Literaturhaus-Chefin Maria Gazzetti organisierte er mehrere Veranstaltungen zu Rolf Dieter Brinkmann. Der Kölner Autor ist die Konstante in seinem Leben. Im Fünfjahresrhythmus, immer zu Brinkmanns runden Geburts- und Todestagen, melden sich bei ihm Zeitungs- und Radioleute, um neue Wasserstandsmeldungen abzufragen. Er ist die verlässliche Informationsquelle, und letztes Jahr ist es ihm endlich gelungen, für seinen Kollaborationenband „Frank Xerox‘ wüster Traum“ einen Verlag zu finden. Seither ist er wieder kreuz und quer in Deutschland unterwegs, um das andere Bild von Brinkmann zu propagieren. „Rolf Dieter war ja nicht nur der Kotzbrocken, zu dem er immer stilisiert wird“, er will „eine andere Erinnerung wachhalten, das Andenken an den auch freundlichen und sympathischen, sehr humorigen Brinkmann zelebrieren“. Er nimmt jede Gelegenheit wahr, um aufzutreten, Vorworte und Reden zu schreiben.
2010 belegt er „aus Neugier“ an der Goethe-Universität in der U3L („Manche nennen es Universität der dritten Zähne“) ein Seminar mit dem Titel „Szenarien kreativen Schreibens“. Von den zehn Teilnehmer schließen sich nach dem Semester sechs zu der Gruppe „Wörterbruch“ zusammen, treffen sich von 2010 bis 2023 regelmäßig, schreiben Gedichte und veröffentlichen zwei Anthologien („Schilfschimmerndes Grünauge“ und „Lyrik am Main, Frankfurt Gedichte“). Rygulla wächst ganz automatisch in die „Ansagerrolle“.
Wie schon als Lektor bei März und Rowohlt in den Siebzigern ist er der Macher im Hintergrund. Seit Jahren begleitet er „einen Dichter, der manisch schreibt“. Die intensive Arbeit an der voluminösen Anthologie „Der Osten leuchtet. Poetische Töne aus Europa“, die er 2022 zusammen mit Marco Sagura herausgibt, motiviert ihn letztlich, die eigenen Gedichte „zu entprivatisieren“. „Geschrieben habe ich immer“, sagt er, „mal schubweise, mal sporadisch.“
Trotz diverser Wehwehchen ist er fit im Kopf, wehrt sich gegen einen Rollator und versucht, digital auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Ganz selbstverständlich steht neben Laptop und Tablet eine „Alexa“ auf dem Schreibtisch, hantiert er souverän mit dem Handy und konsumiert Filme und Musik über diverse Streamingdienste.
Zuletzt ist er „jenseits des Stadtwalds“ im alten Ortskern Neu-Isenburgs von einem zweigeschossigen Häuschen in eine kleinere Wohnung umgezogen, ebenerdig, wegen seiner „beginnenden Hinfälligkeit“, fühlt sich dort aber „sauwohl“, weil er mit der Straßenbahn immer noch ins nahe Frankfurt zu Lesungen und Konzerten und ins Kino fahren kann. Lediglich die Fahrt zu seinem „Landsitz“ in der Nähe von Weilburg ist nur noch mit Hilfe von Freunden möglich. Vor zwei Jahren hat er beschlossen, nicht mehr selbst Auto zu fahren. Das Haus auf einem 1600qm großen, eingewachsenen Grundstück mit großem Garten hat er sich gekauft, als er im Nachtleben noch sehr gut verdient hat. Immer schon wollte er zwei Wohnsitze haben. Einen in der Großstadt und einen bei „den Vögeln, da wo die Sonne aufgeht und man es sehen kann“.
Neben dem Avantgardistischen schlummert in ihm eine latente Sehnsucht nach dem Bürgerlichen. Das mag ein Relikt seiner Flüchtlingsherkunft sein. Als Sechsjähriger kam er 1950 mit einem Übersiedlertransport aus Kattowitz in Oberschlesien nach Ostwestfalen. Sein Leben lang wollte er es immer zu etwas bringen. Im Mai 1992 hat er geheiratet, ein Kind adoptiert und so die „Neugier auf ein bürgerliches Leben“ gestillt. „Die ersten zehn Ehejahre waren genauso, wie ich sie mir gewünscht habe.“ Er führte ein wohlsituiertes Leben, frönte einem kulinarischen Hobby, besuchte „alle Sterne-Lokale in Europa“. Mit der „Entmachtung per Ordnungsamt“ war das alles vorbei. Diese „Demütigung“ lehrte ihn eine bittere Lektion: Bei so einem Statusverlust büßt man für viele an Wichtigkeit ein. Übrig bleiben dann nur die wirklichen Freunde, die Schulterklopfer und Groupies machen sich aus dem Staub.
Im hiesigen Kulturleben ist Rygulla immer noch ein wohlklingender Name, von vielen in der Szene wird er für seine Verdienste im Frankfurter Nachtleben nach wie vor geschätzt und bewundert. Freundschaften sind ihm wichtig, und er versucht sie über alle Hürden hinweg zu pflegen. Nachmittags hatten wir gemeinsam Gerald Zschorsch im Pflegeheim besucht. Der grantige Dichter empfing uns missmutig und schmiss uns nach 10 Minuten wieder raus. Ralf-Rainer sagte zum Abschied: „Gerald, darf ich Dich umarmen. Wir haben früher doch so viel zusammen gemacht.“
Siehe auch:
Gedicht von Ralf-Rainer Rygulla
Erstellungsdatum: 11.03.2026