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Laudatio zum Karfunkel-Sonderpreis 2026 an Barbara Englert

Junge Menschen im Theater existenziell ansprechen zu können, ist ein seltenes Talent. Der Theatermacherin Barbara Englert ist dies mit einer neuen Art des Erzählens in ihrem Stück „Die Ilias – Jetzt erzähle ich“ eindrucksvoll gelungen. Statt aus männlicher Perspektive inszeniert sie den Urstoff westlicher Erzähltradition aus weiblicher Sicht, spricht aus Kalliopes Perspektive über die destruktiven Folgen, die ein seit Jahrhunderten zelebrierter kriegerischer Männlichkeitswahn bis heute für Frauen hat. Im Frankfurter Römer wurde Barbara Englert hierfür mit dem Karfunkel-Sonderpreis 2026 ausgezeichnet. Die Opernregisseurin Aileen Schneider sprach die Laudatio.
Herzlich willkommen zur Verleihung des Karfunkel-Preises und des Karfunkel-Sonderpreises 2026 heute Abend hier im Kaisersaal des Römer in Frankfurt.
Mein Name ist Aileen Katharina Malika Schneider, ich bin Opernregisseurin, Autorin und Spoken Word Poetin und moderiere regelmäßig auch Literaturveranstaltungen wie beispielsweise beim Textland Literaturfestival, worüber ich auch Barbara Englert kennenlernen durfte.
Es ist mir eine außerordentliche Freude und Ehre, heute (24.02.2026) die Laudatio für diese langjährige, politisch aktivistische Theatermacherin zu halten, die mit ihrer Kunst über viele Jahre hinweg eine tiefgründige Arbeit an dem bewiesen hat, was uns alle angeht: wie wir ein freiheitliches und gleichberechtigtes Miteinander erreichen und gestalten können.
Barbara Englert ist seit der Kindheit dem Theater verbunden und machte es mit einem Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart zu ihrer Profession. Danach spielte sie sieben Jahre an Stadt- und Staatstheatern wie Essen, Freiburg und Stuttgart, bevor sie 1993 in ihre Geburtsstadt Frankfurt am Main zurückkehrte, von wo aus sie seither auch über die Grenzen Deutschlands hinaus Freie-Szene-Projekte initiierte.
Barbara Englerts künstlerisches Schaffen ist inhärent mit ihren lebenslangen persönlichen Fragestellungen verbunden und dadurch zutiefst menschlich und von einem entwaffnend selbstverständlichen Feminismus geprägt. Ihr ist ein ungebrochener, intrinsischer Idealismus eigen, den ich als junge Frau nur bewundern kann. Mit ihrer Auseinandersetzung berührt sie nicht nur wichtige Themen, sondern auch Herzen und Köpfe und sublimiert dabei gesellschaftspolitische Problemkomplexe auf ein sinnliches und zugängliches Level.
So auch bei der prämierten Produktion „Die Ilias – Jetzt erzähle ich!“
Bevor ich elaboriere, was und wie hier erzählt wird, lassen Sie mich etwas ausholen, um Barbara Englerts vielseitiges Schaffen adäquat zu beschreiben. Dabei möchte ich ihre Haltung, was Theater für unsere Gesellschaft bedeuten und wie man es bestmöglich vermitteln kann, einmal kurz zusammenfassen.
Theater ist nicht tot und museal, Theater ist lebendig, es ist unmittelbar da, sinnlich und konkret. Kultur, sagt man, ist Kommunikation und Theater ist dabei das Mittel, das die meisten dieser Sprachen miteinander verbindet. Hier kommen Stimme und Körper, Ton und Bild, Inhalt und Diskurs in eine holistisch-sinnliche Synergie – es re-präsentiert, holt ins Hier und Jetzt, was wir aus der Geschichte herauslesen und lernen. In Bücher tauchst du ein, verschwindest, wirst introspektiv, im Theater bist du da, gemeinsam mit vielen anderen Menschen, die alle gerade empfinden und resonieren. Theater ist Ausdruck und Eindruck zugleich – und der archaischste Zugang zum gesellschaftlichen Zusammenleben überhaupt. Vor tausenden von Jahren saßen Menschen zusammen um ein Lagerfeuer – Person A spielte Person B vor, wie sie das Mammut gejagt hat. Die Urform von Schauspiel. Und das Lagerfeuer brennt immer noch – zwischen uns, wenn wir gemeinsam Live-Kunst-Momente erleben.
Barbara Englert hat leuchtende Augen, wenn sie über ihre Kunstform spricht. Auch in ihr brennt dieses Feuer. Und sie möchte diese Fackel gerne weitergeben. An die jungen Menschen, die sie für Theater ebenfalls begeistern will.
Für sie ist Theater für Jugendliche eine Plattform für positives Empowerment, sowohl für die Mitwirkenden als auch für die Zuschauenden. Nicht nur zu sehen, sondern zu erleben, wie Menschen sich nicht verstecken, sondern im wahrsten Sinne laut werden, soll das Gefühl geben, dass man wirkungsvoll und wirksam werden kann in einer Welt, in der man vor den Schrecken, die vorgehen in Schockstarre stagniert. Für viele steckt der Wunsch nach produktiver Veränderung und Wandlung zur Menschlichkeit tief in der Brust – Theater kann da ein Ventil werden.
Aber wie finde ich da einen Zugang?
Häufig wird jungen Menschen vorgeworfen, dass sie sich für nichts mehr interessieren, dass ihre Konzentrationsspanne signifikant gesunken ist und sie bei Überforderung gleich die Flinte ins Korn werfen. Wie kommt es dann aber, dass in der „faulen“ GenZ so viele politische Aktivist:innen gegen Klimawandel und rechte Politik auf die Straße gehen? Dass sich organisiert wird, diskutiert und mit wildem Eifer angepackt wird? Die Zeiten der Gemütlichkeit sind vorbei und das merken vor allem die nachfolgenden Generationen. Die Altlasten wiegen schwer. Die Jugend will sich Gehör verschaffen, will sich nicht in tradierten Konventionen gefangen halten lassen, sie gibt sich nicht mehr zufrieden damit, dass am Konsensrand herumgegraben wird. Klar, Kunst kann und darf auch beruhigen, bestätigen, befriedigen. Kunst kann auch konsumiert werden – auf Netflix, auf Social Media, bei großen Events, die kathartische Wirkung durch Verausgabung entfalten können. Aber selbst dort wird immer wieder klar: Wir können keine einfachen Lösungen für komplexe Sachverhalte finden. Kunst hilft uns, die Überforderung zu kanalisieren. Kunst verdichtet und ist sogleich even larger than life, eine große Überhöhung des Lebens, das uns umgibt. Laut Barbara Englert müssen wir die Offenheit behalten, dass Überforderung nur bedeutet, dass da mehr ist, als ich bereits weiß. Dass es so viel zu lernen und zu begreifen gibt – und dass Kunst uns dabei an die Hand nehmen, ergreifen und mitreißen soll.
Barbara Englert möchte einladen zu einer Reise ins Unbekannte. Zu einer Irrfahrt auf dem metaphorischen Mittelmeer – an deren Ende keine Erkenntnis, keine Katharsis, aber die Kraft steht, die Mechanismen und Muster unserer Gesellschaft besser zu verstehen: Perspektiven gehört und gesehen zu haben, die man nicht erwartet hätte, die man nicht kannte bisher.
Geschichte ist für Barbara Englert eine intergenerationelle Übertragung, eine Erzählung, die weitergereicht wird. Dabei wollte sie tief in die Ursprünge unserer gesellschafts- und systembildenden Historie und Mythologie vordringen: die hellenistische Archaik. Immer mit der großen Fragestellung: Wem wird hierbei zugehört?
Kriegserzählungen wie die Ilias sind patriarchal geprägt – die Empfindungen der Frauen kommen so gut wie gar nicht vor.
Das Homer zugeschriebene Epos „Ilias“ gilt als Archetyp von Geschichten über menschliche Feindseligkeiten und als kulturelle Vorstufe demokratischer Strukturen. Zugleich aber zelebriert es die männliche Hybris, die Heroen, Krieger, Könige – erzählt wird ausschließlich aus männlicher Perspektive. Barbara Englert hat den Fokus verändert: Sie lässt die Muse der epischen Dichtung Kalliope das Geschehen aus weiblicher Sicht interpretieren und stellt Bezüge zur Gegenwart her. Geleitet von der Devise „Jetzt erzähle ich“, nimmt sie die „Ilias“ mit Humor und ironischen Anspielungen in den Blick.
„Ich war absolut fassungslos“, sagte Barbara Engelert mir bei unserem persönlichen Gespräch im Januar, als ich sie nach ihrer Leseerfahrung der Homer'schen Ilias fragte. Frauen werden nahezu verdinglicht, zu Besitztümern und Ressourcen objektifiziert, gleich einer Vase oder Schmuck, stimmenlos und handelbar. In früheren Übersetzungen wurde das altgriechische Wort für Sklavin oft euphemistisch mit „Magd“ übersetzt, was den Charakter der Repression und Kontrolle über die eigene Lebenssituation völlig verharmlost. Erst die Übersetzerin Emily Wilson übertrug 2017 den eigentlichen Wortsinn originalgetreu ins Englische. Barbara Englert wollte sich ein Beispiel nehmen und ihre Fassungslosigkeit in eine Fassung bringen – nämlich ein Theaterstück, in dem sie den Frauen ihre Sichtbarkeit zurückgeben wollte, wodurch ihnen endlich eine Form von Gerechtigkeit widerfahren kann. Das Objekt wird zum Subjekt, es wird nicht mehr nur über sie gesprochen, sondern die Frauen sprechen selbst.
„Solange man über uns erzählt, sterben wir nicht“, sagt die Protagonistin in Barbara Englerts Stück gleich zu Beginn.
Sie findet immer wieder Bezüge ins Hier und Jetzt, beispielsweise in dem Moment, wo sie an Gisèle Pelicots vielzählige Vergewaltigungen erinnert – in dem wie durch die Geschichte hindurch ebenfalls immer wieder Frauen Leidtragende von durch patriarchale Muster geprägten Mechanismen waren. Auch ihr Mann ging mit ihrem Körper wie mit Ware um, verkaufte und verschenkte sie. Doch Gisèle fand in einem der wichtigsten Gerichtsprozesse unserer Zeit ihre Stimme und dadurch die Kraft, aus dem passiven Opfernarrativ in eine aktiv prägende Figur zur Wandlung von Justiz und gesellschaftlichem Diskurs aufzusteigen.
Die inszenatorische Form des Stückes ist dabei behutsam und sensibel. Denn im Zuge der Sichtbarmachung repressiver und gewaltsamer Strukturen ist eine Frage häufig elementar: Wie kann man etwas erlebbar und fühlbar machen ohne Voyeurismus, ohne die Strukturen einfach zu reproduzieren? Barbara Englert nutzt die Verfremdung, nutzt Puppen und Videos, antike Sprechchöre, die kommentieren und Darstellende, die zwischen Figur und Selbst oszillieren.
Es spielen ausschließlich Frauen, selbst männliche Figuren werden von ihnen dargestellt. In dieser Radikalität werden Sehgewohnheiten unterbrochen und damit tut sich eine spezielle geschärfte Sichtweise auf, die sich sonst in der reinen Immersion verlieren und verwässern würde. Darin bleibt Barbara Englert integer an der Überaufgabe und schafft somit ein authentisches Theatererlebnis, das sich an alle Generationen richtet.
Der Karfunkel-Preis zeichnet Menschen und Produktionen aus, welchen es gelingt, über die Grenzen des Erwartbaren hinauszugehen, die es schaffen, auf eine besondere, verdichtet-poetische Art jungen Menschen Inhalte und Themen zu vermitteln, die sie angehen und mit denen sie sich identifizieren können. Dies ist Barbara Englert mit ihrer Produktion „Die Ilias – jetzt spreche ich!“ absolut gelungen. Sie hat ihre Fassungslosigkeit nicht in Hilflosigkeit abdriften lassen, sondern in Wirksamkeit verwandelt und dafür beglückwünschen ich und alle Anwesenden sie zum Schluss noch einmal ganz herzlich zum Erhalt des Karfunkel-Sonderpreises 2026!
Erstellungsdatum: 26.02.2026