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Jamal Tuschick und Wolfgang Rüger über Jürgen Ploog (Fortsetzung 1)

Die so mächtige öffentliche Meinung lässt sich selbst vom Wind treiben und weiß, woher und, vor allem, wohin er weht. So ist auch die öffentliche Würdigung eines Schriftstellers wie Jürgen Ploog ein Produkt vieler Interessen, – insbesondere, wenn sie ausbleibt. Die Fortsetzung des Gesprächs, das Jamal Tuschick mit dem Nachlassverwalter und Editor des Ploogschen Werks, Wolfgang Rüger, führte, lässt ahnen, was in Sachen Ploog bisher ignoriert wurde, was noch auf uns zukommt und welch umfassende Aufgabe die Herausgabe eines umfangreichen Nachlasses bedeutet.
„Alfred 23 Harth hat mir mal geschrieben: ‚Freundschaft hört nicht mit dem Tod auf'. In diesem Sinne verstehe ich meine Bemühungen (im Zusammenhang mit Ploogs literarischem Nachlass) als Freundschaftsdienst." Wolfgang Rüger
Als Hermann Peter Piwitt in einer Rückschau auf Rolf Dieter Brinkmann schrieb, dieser habe sich die amerikanische Lyrik „anverwandelt wie Mozart einst den Italienern“, war das mehr als eine stilistische Pointe. Es ist ein Vergleich, der weit trägt - weil er nicht von bloßer Einflussnahme spricht, sondern von Osmose - und Transformation, die in der Differenz fruchtbar wird.
Brinkmanns produktiver Umgang mit der amerikanischen Gegenwartslyrik - insbesondere mit Autoren wie William Carlos Williams, Frank O'Hara, Ted Berrigan oder Allen Ginsberg – war nie bloß Übernahme. Vielmehr entwickelte er aus deren Verfahren ein eigenes Idiom: eine deutsche Sprachgestik, die das Amerikanische absorbierte, um es an der Oberfläche deutschsprachiger Wirklichkeit zu erproben.
Auch Jürgen Ploog überführte das Verfahren des Notational Style – des beiläufigen, collagierenden, assoziativ montierenden Schreibens – in eine existenzielle Schreibweise. Seine Texte wirken oft wie Notate, Splitter, Beobachtungsprotokolle – und zugleich sind sie hochgradig aufgeladen.
Es gehört zu den eigentümlichsten Erfahrungen intensiver Gespräche, dass sich ihr Gehalt nicht in dem erschöpft, was gesagt wird, sondern in der Art, wie sich das Gesagte verschiebt. Man registriert nicht nur Argumente, sondern Übergänge. Und manchmal verrät solch ein Übergang mehr über die Struktur eines Gegenstands als jede These. In der Auseinandersetzung mit Wolfgang Rügers editorischer Arbeit lässt sich das gut beobachten. Zunächst erscheint die Tätigkeit in ihrer operativen Klarheit: als Auswahl, Setzung und Aufbau von Infrastruktur; als gezielte Produktion von Sichtbarkeit. Der Nachlass wird zum Material, das geordnet, gewichtet und in Umlauf gebracht wird. Man spricht von Strategien, von Publikationsformen, von Positionierungen. Alles deutet auf eine Praxis hin, die nicht nur vermittelt, sondern strukturiert. Doch die Beschreibung bleibt nicht stehen. Fast unmerklich verschiebt sich die Sprache. An die Stelle von Einfluss treten Begriffe wie Absprache, Gewissen, Verantwortung. Wo zuvor von Steuerung die Rede war, ist nun von Freundschaft die Rede. Der Editor erscheint nicht mehr als Akteur innerhalb eines Gefüges von Sichtbarkeit, sondern als jemand, der einem anderen verpflichtet ist – über dessen Tod hinaus.
Diese Verschiebung ist kein Bruch, sondern ein Manöver im eigentlichen Sinne; eine Bewegung innerhalb desselben Feldes, die es erlaubt, zwei scheinbar unvereinbare Ebenen gleichzeitig zu halten. Die eine benennt die faktische Eingriffstiefe der editorischen Arbeit, die andere versieht sie mit einer Form der Legitimität, die in Bindung entsteht. Was als Gestaltungsmacht lesbar wäre, erscheint nun als Fürsorge.
Es wäre zu einfach, darin eine bloße Strategie der Verschleierung zu sehen. Interessanter ist, dass beide Ebenen einander nicht ausschließen, sondern wechselseitig stabilisieren. Ohne die operative Dimension gäbe es nichts zu verantworten; ohne die affektive Rahmung würde die Operation als Eingriff sichtbar werden. Das Manöver besteht gerade darin, dass beides gleichzeitig sagbar bleibt, ohne in einen offenen Widerspruch zu geraten.
Für die Rezeption bedeutet das, dass nicht alles zugleich sichtbar werden kann. Jede Lektüre setzt Schwerpunkte, legt frei und verdeckt zugleich. In einer ersten Annäherung mag die Figur des Freundschaftsdienstes überzeugen, weil sie eine plausible, beinahe notwendige Motivation liefert. Erst in einem zweiten Zugriff tritt die strukturelle Dimension hervor, die diese Motivation trägt und zugleich über sie hinausweist.
In diesem Sinne gleicht die Analyse weniger einem Urteil als einem Schälvorgang. Schicht um Schicht wird abgetragen, ohne dass die vorhergehenden Schichten falsch gewesen wären. Sie waren nur nicht vollständig. Das Manöver liegt nicht darin, dass etwas Unwahres oder Unredliches gesagt würde, sondern darin, dass etwas Wahres in einer bestimmten Reihenfolge erscheint.
So verstanden, ist die Aufgabe der Kritik die Rekonstruktion der Reihenfolge. Sie fragt nicht: Was stimmt hier nicht? Sondern: Was wird wann sichtbar – und was erst später? Das Gespräch liefert das Material, die Analyse verschiebt die Perspektive, und zwischen beiden entsteht jene zeitliche Tiefe, in der sich die eigentlichen Strukturen zeigen.
Das Manöver ist eine Form, mit der sich komplexe Verhältnisse überhaupt erst sagbar machen. Es erlaubt, Verantwortung zu formulieren, ohne sie von ihrer Grundlage zu lösen. Gerade deshalb entzieht es sich der unmittelbaren Bewertung. Es verlangt eine Lektüre, die bereit ist, sich in Etappen zu vollziehen.
Fortsetzung des Gesprächs mit Wolfgang Rüger, dem Editor von Jürgen Ploogs literarischem Nachlass
Tuschick: Ploog scheint eine eigentümlich stille Zuneigung entgegenzuschlagen, als wüssten genug Akteure, dass in seinem Fall etwas auf dem Spiel steht, das sich vorschnellen Kategorisierungen entzieht. Auch das ist ein Aspekt seiner klandestinen Gegenwärtigkeit: dass die Standardvorwürfe ausbleiben. Dabei wäre es ein Leichtes, Ploog zu denunzieren. Stattdessen beobachtete man unerwartete Eingemeindungsbestrebungen. Wer sich zur Avantgarde zählt und sich für radikal hält, bezieht sich gern auf den prophetischen Dandy Ploog. Auch deine Nachlasssichtungen entsprechen kulturellen Interventionen. Man muss Ploog dankbar sein, dass sein Werk sich jeder eindeutigen Vereinnahmung entzieht und stattdessen Räume öffnet, in denen die üblichen moralischen Raster ihre Gültigkeit verlieren. Staunst du nicht auch über die noch nur seismisch knisternde, aber doch für uns spürbare Bereitschaft, Ploogs Werk in der Gegenwart zur Welt kommen zu lassen?
Rüger: Das scheint ein allgemeingültiges Phänomen zu sein. Ein toter Autor kann sich nicht mehr wehren. Junge Autoren brauchen Vorbilder, und dann wählt man einen aus, mit dessen Werk oder Habitus man sich identifizieren kann. Manchmal kommen dann total absurde Konstellationen zustande, wie z.B. Stuckrad-Barre und Fauser. Der Hype um Fauser hat ja auch erst postum eingesetzt, und in diesem Fall gab es mit der Witwe und Carl Weissner zwei Menschen, die ordentlich getrommelt und die richtigen Strippen gezogen haben. Fauser hätte sich zu Lebzeiten niemals zu träumen gewagt, daß er mal ganzseitig in der FAZ besprochen wird.
Unser großes Plus ist der immense Nachlaß, den es bei den allermeisten anderen Autoren nicht gibt. Wenn wir pro Jahr eine neue Publikation auf den Markt bringen, können wir locker die nächsten zehn Jahre liefern. Und Du hast vollkommen Recht, da es zu Ploog bisher keine Sekundärliteratur gibt, kann seine Verortung in der Literaturgeschichte noch in jede denkbare Richtung gehen. Zu Brinkmann gibt es mittlerweile meterweise Sekundärliteratur. Was mir Hoffnung macht, sind die ungefähr eine handvoll Universitäten, die die literarische Alternativszene regelmäßig im Lehrplan haben. Inzwischen gibt es doch eine Reihe von Professoren und Dozenten, die früher selbst zur Szene gehörten und die den Stab jetzt weiterreichen.
In den zurückliegenden Monaten habe ich zwei Doktoranden mit Ploog-Material versorgt, das sie für Ihre Dissertation dringend brauchten. Eine weitere meiner Aufgaben sehe ich genau darin, Bezugsquelle zu sein. Vor einem Jahr habe ich eine Webseite installiert (www.wolfgangrueger.de), die nach und nach u.a. den deutschen Underground aufarbeiten soll und deren Protagonisten mit verschiedenen journalistischen Texten vorstellt.
Die engagiertesten Doktoranden versuche ich, in meine Ploog-Projekte einzubinden. Von Anfang an war mein Bestreben, die Bubble zu verlassen. In „Ploog West End" sollten z.B. nicht die allseits bekannten Ploog-Experten zu Wort kommen, sondern ich wollte neuen Stimmen Platz einräumen.
Und ich hätte gerne mehr kritische, kontroverse Statements gehabt. Ploog mußte sich z.B. zeitlebens mit dem Vorwurf, latent frauenfeindlich zu sein, auseinandersetzen. Ich hatte eine Reihe von Frauen zur Mitarbeit eingeladen, aber keine wollte sich zu dieser Problematik äußern. Das ist auch ein Punkt, an dem ich noch arbeite.
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Die postume Existenz eines Autors ist kein natürlicher Fortbestand seines Werkes, sondern das Ergebnis einer asymmetrischen Situation. Ein toter Autor kann sich nicht mehr wehren. Diese scheinbar triviale Feststellung markiert den Ausgangspunkt eines komplexen kulturellen Prozesses: der nachträglichen Verfügbarkeit eines Werkes für Deutung, Aneignung und Kanonisierung.
In dieser Konstellation wird der Nachlass zum zentralen Rohstoff. Er ist nicht bloß Archiv, sondern Potenzialraum. Seine Größe, seine innere Heterogenität und seine Unabgeschlossenheit bestimmen, wie viel Zukunft ein Werk hat. Ein umfangreicher Nachlass ist eine Ressource. Er erlaubt Kontinuität, Variation und strategische Veröffentlichung über Jahre hinweg.
Folglich ist der Editor nicht mehr nur treuhänderischer Vermittler zwischen Werk und Öffentlichkeit, sondern Betreiber eines Dispositivs. Er entscheidet nicht nur, was erscheint, sondern wann, in welchem Zusammenhang und in welcher Form der Sichtbarkeit. Die Edition wird zur Infrastruktur der Nachwirkung.
Diese Infrastruktur umfasst Netzwerke, Institutionen, akademische Anschlussfähigkeit und mediale Kanäle. Universitäten, Zeitschriften, digitale Plattformen und persönliche Kontakte bilden ein Geflecht, in dem sich entscheidet, ob ein Autor in der Literaturgeschichte stabilisiert oder marginalisiert wird. Kanonisierung ist in diesem Sinne kein rein interpretativer Akt, sondern ein logistischer Prozess.
Besonders deutlich wird dies an der Schnittstelle zwischen Literaturbetrieb und Wissenschaft. Subkulturelle Autorenbewegungen werden erst dann literaturgeschichtlich wirksam, wenn sie in akademische Systeme überführt werden. Dissertationen, Lehrpläne und Forschungsprojekte fungieren als Verstärker. Sie stabilisieren, was zuvor nur in fragmentierter Form existierte, und übersetzen ästhetische oder politische Radikalität in institutionell anschlussfähige Kategorien.
Der Nachlass ist zugleich Materialreservoir und Argument. Seine bloße Existenz erlaubt es, einen Autor langfristig präsent zu halten. Gleichzeitig eröffnet er die Möglichkeit, das Werk immer wieder neu zu konfigurieren. In diesem Sinn ist der Nachlass keine abgeschlossene Hinterlassenschaft, sondern eine aktive Produktionsform von Gegenwart.
Diese Dynamik wirkt stark. Postume Aufmerksamkeit entsteht selten aus dem Werk allein, sondern aus einem Zusammenspiel von Vermittlung, Intervention und narrativer Verdichtung. Agenten, Herausgeber, Nachlassverwalter und akademische Akteure greifen ineinander. Was als Werk erscheint, ist das Ergebnis einer stabilisierten Rezeption, nicht deren Voraussetzung.
Auffällig ist dabei die Verschiebung von Interpretation zu Infrastruktur. Der Editor wird zum Knotenpunkt eines Systems, das zugleich kulturell und organisatorisch funktioniert. Er stellt Materialien bereit, öffnet Zugänge, produziert Anschlussfähigkeit und hält den Nachlass in Bewegung. Seine Arbeit besteht weniger im Deuten als im Ermöglichen von Deutung. Die Kanonbildung erscheint nicht mehr als nachträgliche Wertung, sondern als Prozess der Verfügbarmachung. Ein Autor wird kanonisch, weil er in den richtigen institutionellen und medialen Kreisläufen zirkuliert. Die Frage nach Bedeutung wird dadurch nicht obsolet, aber sie verschiebt sich: Bedeutung ist das Ergebnis stabilisierter Sichtbarkeit. Einerseits kann ein Nachlass neue Lesarten provozieren; andererseits werden seine Zugänge, Publikationsformen und institutionellen Einbindungen gesteuert. Offenheit ist ein Produkt. So entsteht eine paradoxe Situation. Der tote Autor wird zum Ausgangspunkt lebendiger kultureller Prozesse, ohne selbst eingreifen zu können. Der Editor steht im Zentrum einer Bewegung, die er zugleich beschreibt und ermöglicht. Die editorische Arbeit wird zur kulturellen Produktion.
Lass uns mal kurz Abstand nehmen von den sehr interessanten psychologischen Ploog-Deutungen und uns der editorisch-kulturgeschichtlichen Verortung Deines gewissermaßen uferlosen Nachlasssichtungsprojekts zuwenden.
Was macht dieser Nachlass mit der Literaturgeschichte?
Das ist doch ein Abenteuer. Du kanonisierst einen Autor mit Potential. Es ist ja fast alles erst noch zu entdecken. Da wird einer nicht mit allen Ehren und für alle Zeiten beerdigt. Vielmehr läuft das, was Du da treibst, auf eine editorische Wiederauferstehung hinaus. Jeder einschlägige Vergleich kommt nicht aus mit einem Hinweis auf Max Brods Rettungen im Zusammenhang mit Kafkas Werk. So ein Liebesdienst macht vieles überhaupt erst sichtbar. Brod hat aus Kafkas Nachlass einen Kosmos geschaffen. Was versprichst du Dir von Deinen Bemühungen?

Die, die den Namen Ploog kennen, verbinden mit ihm Cut-up. Für David, Jürgens Sohn und Rechteinhaber des Nachlasses, ist sein Vater eher ein Philosoph. Wir haben einen gemeinsamen Schlachtplan entworfen. Erst einmal weg vom Cut-up-Image. Mit unserer ersten Publikation, „Ploog West End", wollten wir ein Lesebuch vorlegen, das neugierig auf einen vielseitigen Autor macht. „Schreibheft 106" ist durch eine glückliche Fügung entstanden. Ich wollte Ploog in einer etablierten, renommierten Zeitschrift unterbringen, habe Norbert Wehr kontaktiert und erfahren, daß er gerade an einem Heft mit Brinkmann arbeitet. Brinkmann und Ploog zusammen in einer Publikation, das war für mich wie ein Sechser im Lotto. Die beiden für mich wichtigsten Avantgardisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gleichberechtigt nebeneinander, besser hätte es nicht laufen können. Ich wollte Ploog auf jeden Fall mit Texten vorstellen, die niemand mit ihm in Verbindung gebracht hätte. Statements über Thomas Mann, Hans Sahl, Nabokov, Stefan Zweig, Adorno, Borges, Goethe, Kästner, Kafka, Pessoa, Sebald, Twain, Christa Wolf. Das Schreibheft ist eine Institution und wird in den etablierten Literaturkreisen wahrgenommen. Ich konnte also ein Publikum erreichen, das den Schriftsteller Ploog vermutlich bisher nicht gekannt hat. Die Reaktionen nach Erscheinen des Heftes waren durch die Bank euphorisch. Michael Krüger schrieb z.B.: „Das Tagebuch von Ploog ist eine fulminante Entdeckung. Mit dieser Veröffentlichung zeigt sich ein überragender Denker und Leser."
Obwohl ich selbst, wie bereits erwähnt, bisher nur einen vagen Einblick in den Umfang des Nachlasses habe, ist mir in den letzten zwei Jahren der Gedanke gekommen, daß es sich mit Ploog ähnlich wie mit Fauser verhalten könnte. Fauser war ein herausragender Journalist, als Romanschreiber halte ich ihn für überbewertet. Ploog hat die Cut-up-Schiene konsequent verfolgt, und da auch Außergewöhnliches, zumal in deutscher Sprache, geleistet. Trotzdem ist sein Meisterwerk „Straßen des Zufalls", das Buch über Burroughs. Ich denke, überragend ist er in seinen theoretischen Schriften. Er war der Vordenker des Undergrounds. Brinkmann und Ploog waren Seelenverwandte, Brüder im Geiste, die Ähnlichkeit ihres literarischen Wegs, den sie unabhängig voneinander gegangen sind, ist frappierend. Mit einem gravierenden Unterschied: Ploog ist Brinkmann intellektuell haushoch überlegen.
Zur Buchmesse 2026 wollen wir einen Materialband über Ploog herausbringen, der endlich Futter für die Literaturwissenschaft zur Verfügung stellen soll. Für nächstes Jahr ist ein Band „Ausgewählte Essays" geplant. Ploog wird also weiterhin präsent sein. Wenn man in naher Zukunft von dem Autor Jürgen Ploog spricht, ohne den Zusatz Cut-up, dann hätten wir erreicht, was wir uns vorgenommen haben.
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Ploogs Ansatz lässt sich im Kontext posthumaner Theorien fruchtbar machen. Er denkt den Autor nicht als Ursprung, sondern als Übertragungseinheit, als cybernetic relay. Sein Schreiben ist durchdrungen von technologischer Affizierung – Audio-Samples, Video-Loops, elektronische Rhythmen werden nicht bloß im Text referenziert, sondern strukturieren seine Form. Die Linearität der Erzählung wird ersetzt durch fragmentierte, polymorphe Netzwerke, die eher an neuronale Verschaltung erinnern als an traditionelle Narration. In diesem Sinne kann Ploogs Werk als frühe literarische Annäherung an das Denken der Assemblage (Deleuze/Guattari) gelesen werden – der Text als Maschine, der Autor als Interface, das Subjekt als operative Fiktion.
Das ist beinah schon ein editorisches Manifest. Deine Edition soll den Autor vom Cut-up-Label befreien und ihn als historische Figur neu erzeugen. Du deklarierst den Nachlass als aktives Werkfeld, in dem Ploogs philosophische und theoretische Dimensionen erschlossen werden. Ploog wird in Auswahl, Kontext und Vergleich neu konfiguriert. Wo liegt die Grenze zwischen editorischer Erschließung und nachträglicher Konstruktion? Beobachte ich gerade - als vorgeschobener Posten des Betriebs - die Entstehung eines zweiten Autors: den Ploog der Edition?
Ich sage immer: Mein Vorteil ist, daß ich einen toten Autor habe, der mir nicht mehr dazwischen pfuschen kann. Jetzt geht es nur noch ums Werk. Klar können wir durch den Editionsplan die Rezeption etwas lenken. Aber letztlich sind es immer noch die Ploogschen Texte, die wir auf den Markt werfen. Ob sie Bestand haben, ob sie etwas taugen, müssen dann andere entscheiden. In der jüngeren Literaturwissenschaft, die sich mit der deutschen Alternativliteratur, sagen wir mit der Zeit von 1965-1995, beschäftigt hat, taucht der Name Ploog auf, erhält auch den richtigen Stellenwert und spielt doch nur eine untergeordnete Rolle, weil es bisher praktisch keine Sekundärliteratur zu ihm gibt. Das wollen wir als nächstes ändern. Es müssen sich ja immer ein paar aus dem Fenster lehnen, damit andere nachziehen. Es braucht Reibungsmaterial.
Natürlich stellt sich mir auch die Frage, warum Ploog gerade das publiziert hat, was bis jetzt publiziert ist. Da liegt der Fokus ganz klar auf der Cut-up-Prosa, die er immer weiter entwickelt hat. Am letzten Teil der Flieger-Trilogie, „Spätvorstellung", hat er laut Tagebuch fast 20 Jahre lang gefeilt. Er war seinen eigenen Büchern gegenüber sehr kritisch. Das ein und andere hat er sofort nach Drucklegung verworfen, nach der Lektüre bemängelt, daß die Komposition, die er im Kopf hatte, doch nicht funktioniert. Was ihm zeitlebens gefehlt hat, war ein guter Lektor seines Vertrauens. Er war nicht beratungsresistent, aber hatte hohe Ansprüche, denen keiner aus seinem Umfeld genügen konnte. Wenn er einen starken Lektor gehabt hätte, wäre die Editionspolitik schon zu Lebzeiten wahrscheinlich eine andere gewesen.
Mir geht es nicht um Legendenbildung, die mir Wondratschek in seinen Mails latent unterstellt („Jürgen als Ikone, als sich mehr und mehr verklärende Legende, ein Monolith.“). Ich will einen Autor erst einmal wieder ins Gespräch bringen, der es meiner Meinung nach verdient hat, lebendig zu bleiben. Ploog ist doch ein unglaublich moderner Autor. David meint, mit seinen Cut-ups der ideale Autor für die Tiktok-Generation. Das war auch der Grund, warum ich mich vor einem Jahr mit meinen dilettantischen Videos auf diese Plattform eingelassen habe. Um einen Autor lebendig zu halten, braucht es vor allem junge Leser. Wir werkeln also an verschiedenen Fronten und versuchen, auf der Höhe der Zeit zu sein.
Anna, Jürgens Frau, war anfangs gegen unsere Social-Media-Aktivitäten. „Jürgen hätte das nicht gewollt." David hat einen jungen Mann eingestellt, der sich nur um Social Media kümmert. Auf Instagram (ploog_literatur) postet Ludwig regelmäßig neue, qualitätsvolle Filmchen. Mittlerweile ist auch Anna begeistert. Das ist eine Schiene. Nicht meine, dafür bin ich zu oldfashioned. Ich kümmere mich um das alte Medium Buch und den etablierten Literaturbetrieb, der wirklich eine harte Nuß ist. Es gibt ja heute weit und breit kein Feuilleton mehr, das spannend wäre.
Ich subsumiere das jetzt unter produktiver Provokation. Deine letzte Antwort zeigt klar, wie Editionsarbeit heute als Mix aus Kanonpolitik, Medienstrategie und Literaturvermittlung funktioniert.
„Mein Vorteil ist, dass ich einen toten Autor habe, der mir nicht mehr dazwischen pfuschen kann."
Das ist eine klare Setzung. Du hast die Kontrolle über die Präsentation und natürlich auch die Verantwortung dafür. An Dir ist es, einen literaturgeschichtsmächtigen Werkbegriffs zu etablieren.
„Es müssen sich ein paar aus dem Fenster lehnen, damit andere nachziehen. Es braucht Reibungsmaterial."
„Mir geht es nicht um Legendenbildung"
Aber gleichzeitig passiert genau das strukturell stets. Die Leitgestirnbegriffe Ikone und Monolith drängen sich förmlich auf. Während Du entmythologisiert, entsteht ein Mythos für die nächste Generation.
Du erwähnst die fehlende Sekundärliteratur. Sind wir nicht dabei, diese Lücke zu schließen?
Wenn Rezeption heute nicht mehr nur im Literaturbetrieb, sondern parallel dazu auch in sozialen Medien und neuen Öffentlichkeiten entsteht – verändert das nicht auch die Rolle des Editors? Ist er noch primär Bewahrer eines Werkes oder bereits Architekt unterschiedlicher Sichtbarkeitsregime eines Autors?
Unser Leben hat sich in den letzten 25 Jahren grundlegend verändert. In den frühen neunziger Jahren, als ich Bitter Lemon gemacht habe, war für alle Kleinverlage das größte Problem der Vertrieb. Als die Wenigsten wußten, was das ist, hat Ploog schon voll auf das Internet gesetzt. Ich war ungläubig, Ploog vollkommen überzeugt. Heute ist tatsächlich alles nur noch einen Mausklick entfernt. Geblieben ist das Problem, wie erfährt der potentielle Interessent von meinem Produkt. Die Lösung heißt jetzt: Follower. Ohne Social Media und/oder eigene Webseite geht heute gar nichts mehr. Und zwar für einfach alle. Außer mir hat heute praktisch jeder ein Handy. Selbst Autoren, die in Großverlagen publizieren, brauchen einen Internetauftritt. Ich habe mir sagen lassen, daß ich als Newcomer die größten Chancen habe, verlegt zu werden, wenn ich mit der Manuskripteinreichung die Anzahl meiner Follower angebe.
Früher hat sich der Underground-Interessierte im Ulcus Molle oder im Newsletter von Pociao's Bookshop informiert. Heute werde ich Follower, um auf dem Laufenden zu bleiben. Früher hat es Monate gedauert, bis ein neues Heft oder ein neuer Newsletter kam, heute werde ich in Echtzeit informiert. Ich könnte, wie das z.B. Julia Mantel oder auch Du machen, meine neuesten Texte auf meiner Webseite hochladen und meine Fans so topaktuell an meiner Produktion teilhaben lassen.
Wir sehen das Internet hauptsächlich als Werbeplattform und setzen nach wie vor (noch) auf das gedruckte Buch. Es hängt vom Projekt ab. Der größte Schatz im Nachlaß von Ploog sind seine Tagebücher. Es ist vollkommen unrealistisch, daß wir einen Verlag finden, der die komplett in gedruckter Form veröffentlicht. Hier müssen wir also auch nach anderen Publikationsformen suchen. Die Internetseite einer renommierten Universität könnte eine Möglichkeit sein.
Also ja, wie jeder Autor muß ich auch als Herausgeber mein eigener Werbemanager sein und alle Wege nutzen, die mir zur Verfügung stehen.
Du sitzt auf einem Schatz und kannst ihn so heben, wie es Dir passt. Der tote Autor als Projektionsfläche bleibt interessant, wenn nicht sogar interessanter als es ein lebender Autor zu sein vermag. Es geht nicht nur darum, dass er sich nicht mehr wehren kann. Es geht um die Chancen diversifizierender Identifikation und weiterer Zufallskonstellationen. Siehe Stuckrad-Barre/Fauser. Ich erinnere, wie Franz Dobler einmal sagte: „Niemand würde über Fauser reden, wäre er noch am Leben." Die Kanonbildung verläuft jedenfalls nicht logisch, sondern affektiv. Und trotzdem werden auf der Basis irrer Verschränkungen in diesem Kontext bald akademische Hausaufgaben angefertigt. Das Epizentrum ist der Nachlass. Die schriftliche Hinterlassenschaft wird zur Arena, in der sich entscheidet, ob und wie Ploog in eine größere literarische Konstellation eintritt. Vergleichsachsen, institutionelle Platzierungen, gezielte Publikationsformen – all das sind Mittel, mit denen ein Autor nachträglich positioniert wird. In diesem Sinne ist Deine Edition eine Form der Metaautorschaft. Wie legitimiert sich diese Form von Macht?
Ich versuche in enger Absprache mit David Ploog und unter Mithilfe vieler Komplizen nach bestem Wissen und Gewissen das Optimum herauszuholen. Jemand anderes könnte es vielleicht besser machen. Aber im Moment ist kein anderer da, der diese Arbeit und diese Kosten auf sich nehmen wollte. Vielleicht muß man auch eine kleine Portion Größenwahnsinn mitbringen, zu glauben, einen toten Autor am Leben erhalten zu können. Als Antiquar habe ich seit 30 Jahren überwiegend mit toten Autoren zu tun. Wenn ein Autor erst mal gestorben ist, geht es meist rasend schnell, bis er total vergessen ist. Am Leben bleiben nur die Klassiker und solche, um die sich irgendjemand kümmert. Auf meine alten Tage ist mir die Verantwortung für einen toten Freund in den Schoß gefallen. Alfred 23 Harth hat mir mal geschrieben: Freundschaft hört nicht mit dem Tod auf. In diesem Sinne verstehe ich meine Bemühungen als Freundschaftsdienst. Und das Tolle daran ist, die Arbeit macht mir Spaß.
Wenn Kanonbildung sich heute als Rückkopplung zwischen editorischer Vorstrukturierung und publizistischer Resonanz vollzieht – wo liegt dann der eigentliche Umschlagplatz: in der Edition, die Sichtbarkeit überhaupt erst formatiert, oder in den Komplizen- und Publikumsenergien, die diese Setzungen nachträglich stabilisieren oder verwerfen?
Wenn ich das wüßte. Erst einmal habe ich eine Reihe von Komplizen infiziert, die aber hauptsächlich aus der Bubble kommen. Das war nicht so schwer. Ich habe in den zurückliegenden Monaten 6 Veranstaltungen zu Ploog in Frankfurt organisiert. Die waren inhaltlich alle phantastisch und bis auf eine auch gut besucht. In Frankfurter Literaturkreisen ist Ploog nun ein Gesprächsthema. Was mich bisher enttäuscht, ist das fehlende Engagement der Frankfurter Buchhändler. Ich habe z.B. die 10 wichtigsten Frankfurter Buchhandlungen angeschrieben und angefragt, ob ich vorbeikommen darf, um „Ploog West End" vorzustellen. Nur 2 haben reagiert. Empfangen wollte mich keiner. Da vermisse ich einfach den lokalen Patriotismus, wie ich ihn in meinem Antiquariat praktiziere. Von einer Buchhandlung erwarte ich, daß sie die in der Stadt heimischen Autoren und Verlage besonders hegt und pflegt. Als ich 1985 in Frankfurt ankam, hatte ich in einer der renommiertesten Buchhandlungen der Stadt ein tief prägendes Erlebnis. Ich fragte die Buchhändlerin nach Büchern von Franz Mon. Ich konnte an ihrem Gesichtsausdruck sofort erkennen, daß sie diesen Namen noch nie in ihrem Leben gehört hatte. Da wurde mir schlagartig klar, daß mir das niemals passieren darf. Erst als Journalist, später als Antiquar hatte ich immer den Ehrgeiz, die einheimischen Autoren wenigstens dem Namen nach zu kennen. Die eigene Stadt sollte immer die Keimzelle sein, von der aus man den Rest erobert. Ploog hat zeitlebens in Frankfurt nichts gegolten. Er hatte hier so gut wie keine Auftritte, er wurde regelrecht totgeschwiegen. Das ist jetzt schon mal in einigen Bereichen anders.
Du sagst das eher nebenbei, aber ich glaube, darin steckt der entscheidende Punkt: Ploog konnte sich seine Kompromisslosigkeit leisten. Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger wirkt das wie eine biografische Randbemerkung - vielmehr wie ein Schlüssel zu seinem Projekt. Es geht nicht allein darum, was er wollte oder wie radikal seine Poetologie war. Sondern darum, unter welchen Bedingungen diese Radikalität möglich wurde. Die Figur des kompromisslosen Avantgardisten lebt davon, dass sie notwendig erscheint. Die Notwendigkeit maskiert Exklusivität. Einerseits. Andererseits sagst Du selbst, dass Ploog unter der ausbleibenden Resonanz gelitten hat. Dass jede Veröffentlichung von Enttäuschung flankiert wurde. Und da sind wir endlich beim Geld angekommen. Wenn man nicht gezwungen ist, vom Schreiben zu leben, kann man es sich leisten, diese Spannung nicht aufzulösen. Man muss keine Brücken bauen, keine Anschlussfähigkeit herstellen, keine Kompromisse eingehen. Man kann Radikalität absolut setzen. Aber ist diese Absolutheit dann noch eine ästhetische Kategorie?
Was ich schon immer loswerden wollte: ich liebe deinen Lokalpatriotismus. Ich habe mich, so wie du, stets als Frankfurter Autorenkomplize gesehen, auch in den Jahrzehnten meiner Kulturberichterstattung für die Frankfurter Rundschau und andere regionale Periodika. Als ich damit angefangen habe, Lesungen zu besprechen, nannte man solche Veranstaltungen abfällig Bibelgebetskreise. Das galt als extrem langweilig. Ich saß auch oft allein mit dem Veranstalter und dem Autor im Raum und habe dann so darüber geschrieben, dass alle glauben mussten, sie hätten was verpasst. Das war lange bevor Autoren wie Nick Hornby und Sven Regener auch in Frankfurt Hallen füllten und wir tausend Besucher bei einer Lesung melden konnten. Schade, dass Du die Buchhändler nicht affizieren kannst. Wo siehst Du aktuell den konkreten Anschluss, an dem Deine bisher erzeugte Aufmerksamkeit für Ploog – jenseits der Komplizenblase – von anderen Akteuren tatsächlich aufgegriffen und weitergetragen wird?
Über meine thematischen Schaufenster zum Underground bahnen sich immer wieder interessante Gespräche an. Da lassen sich junge Kerle, die gerade Kerouac und Ginsberg entdecken, zu Ploog führen. Und dann kommen Rentnerinnen in den Laden, die meine Doppelkopf-Sendung im HR gehört haben, und wollen wissen, was es von diesem Ploog alles gibt. Die sehen wie ganz normale Rentnerinnen aus und sind doch Alt-68er und wollen jetzt wissen, was sie damals verpaßt haben. Am meisten freuen mich jüngere Autoren wie Traian Suttles, der auch ein leidenschaftlicher Schachspieler ist. Er hat gerade nicht nur für KARL (das ist DIE Schachzeitung in Deutschland) ein wunderbares Porträt über Ploog geschrieben, sondern auch seinen Chefredakteur für Ploog begeistert. Als nächstes schreibt er über Arno Schmidt und Jürgen Ploog, und im geplanten Materialband wird er Ploog unter post-darwinistischen Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen. Allein das Engagement dieses einen Autors führt Ploog also in Gefilde, in denen er niemals sonst wahrgenommen worden wäre.
Es gibt also auch heute noch junge Autoren, die wie Du damals sich für irgendetwas begeistern und sich dann richtig reinhängen und ihre Euphorie weitertragen wollen. Solch eine Hingabe ist nicht hoch genug einzuschätzen, weil sie ansteckend sein kann. Wenn man dem Gegenüber seine Leidenschaft ehrlich vermittelt, kann man viel erreichen. Meine dilettantischen Tiktok-Videos sind mir eher peinlich, aber die meisten loben ihre Authentizität. Und das scheint das eigentliche Kapital zu sein.
Was ich in den letzten zwei Jahren gelernt habe, ist, daß man sich Zeit geben muß. Ich bin mit keinem Mainstream-Autor unterwegs, wir werden nie lukrative Verkaufszahlen erreichen. Wir brauchen offene, entdeckungswillige Leser. Menschen, die bereit sind, den eigenen Kopf zu benutzen. Enzensberger hat die für anspruchsvolle Gedichtbände in Frage kommende Menge, glaube ich, auf ca. 2000 Leute geschätzt. Wir haben einen Schneeball in Bewegung gesetzt, mal sehen, wohin er rollt und welche Größe er erreicht.
Siehe auch Teil I des Interviews
Erstellungsdatum: 16.07.2026