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Jamal Tuschick und Wolfgang Rüger über Jürgen Ploog (Fortsetzung 1)

Prophetischer Dandy

Jamal TuschickWolfgang Rüger


Wolfgang Rüger, Jamal Tuschick. Foto: privat

Die so mächtige öffentliche Meinung lässt sich selbst vom Wind treiben und weiß, woher und, vor allem, wohin er weht. So ist auch die öffentliche Würdigung eines Schriftstellers wie Jürgen Ploog ein Produkt vieler Interessen, – insbesondere, wenn sie ausbleibt. Die Fortsetzung des Gesprächs, das Jamal Tuschick mit dem Nachlassverwalter und Editor des Ploogschen Werks, Wolfgang Rüger, führte, lässt ahnen, was in Sachen Ploog bisher ignoriert wurde, was noch auf uns zukommt und welch umfassende Aufgabe die Herausgabe eines umfangreichen Nachlasses bedeutet.

 

„Alfred 23 Harth hat mir mal geschrieben: ‚Freundschaft hört nicht mit dem Tod auf'. In diesem Sinne verstehe ich meine Bemühungen (im Zusammenhang mit Ploogs literarischem Nachlass) als Freundschaftsdienst." Wolfgang Rüger

 

Als Hermann Peter Piwitt in einer Rückschau auf Rolf Dieter Brinkmann schrieb, dieser habe sich die amerikanische Lyrik „anverwandelt wie Mozart einst den Italienern“, war das mehr als eine stilistische Pointe. Es ist ein Vergleich, der weit trägt - weil er nicht von bloßer Einflussnahme spricht, sondern von Osmose - und Transformation, die in der Differenz fruchtbar wird.

Brinkmanns produktiver Umgang mit der amerikanischen Gegenwartslyrik - insbesondere mit Autoren wie William Carlos Williams, Frank O'Hara, Ted Berrigan oder Allen Ginsberg – war nie bloß Übernahme. Vielmehr entwickelte er aus deren Verfahren ein eigenes Idiom: eine deutsche Sprachgestik, die das Amerikanische absorbierte, um es an der Oberfläche deutschsprachiger Wirklichkeit zu erproben.

Auch Jürgen Ploog überführte das Verfahren des Notational Style – des beiläufigen, collagierenden, assoziativ montierenden Schreibens – in eine existenzielle Schreibweise. Seine Texte wirken oft wie Notate, Splitter, Beobachtungsprotokolle – und zugleich sind sie hochgradig aufgeladen.

Existenzielle Schreibweise

Es gehört zu den eigentümlichsten Erfahrungen intensiver Gespräche, dass sich ihr Gehalt nicht in dem erschöpft, was gesagt wird, sondern in der Art, wie sich das Gesagte verschiebt. Man registriert nicht nur Argumente, sondern Übergänge. Und manchmal verrät solch ein Übergang mehr über die Struktur eines Gegenstands als jede These. In der Auseinandersetzung mit Wolfgang Rügers editorischer Arbeit lässt sich das gut beobachten. Zunächst erscheint die Tätigkeit in ihrer operativen Klarheit: als Auswahl, Setzung und Aufbau von Infrastruktur; als gezielte Produktion von Sichtbarkeit. Der Nachlass wird zum Material, das geordnet, gewichtet und in Umlauf gebracht wird. Man spricht von Strategien, von Publikationsformen, von Positionierungen. Alles deutet auf eine Praxis hin, die nicht nur vermittelt, sondern strukturiert. Doch die Beschreibung bleibt nicht stehen. Fast unmerklich verschiebt sich die Sprache. An die Stelle von Einfluss treten Begriffe wie Absprache, Gewissen, Verantwortung. Wo zuvor von Steuerung die Rede war, ist nun von Freundschaft die Rede. Der Editor erscheint nicht mehr als Akteur innerhalb eines Gefüges von Sichtbarkeit, sondern als jemand, der einem anderen verpflichtet ist – über dessen Tod hinaus.

Diese Verschiebung ist kein Bruch, sondern ein Manöver im eigentlichen Sinne; eine Bewegung innerhalb desselben Feldes, die es erlaubt, zwei scheinbar unvereinbare Ebenen gleichzeitig zu halten. Die eine benennt die faktische Eingriffstiefe der editorischen Arbeit, die andere versieht sie mit einer Form der Legitimität, die in Bindung entsteht. Was als Gestaltungsmacht lesbar wäre, erscheint nun als Fürsorge.

Es wäre zu einfach, darin eine bloße Strategie der Verschleierung zu sehen. Interessanter ist, dass beide Ebenen einander nicht ausschließen, sondern wechselseitig stabilisieren. Ohne die operative Dimension gäbe es nichts zu verantworten; ohne die affektive Rahmung würde die Operation als Eingriff sichtbar werden. Das Manöver besteht gerade darin, dass beides gleichzeitig sagbar bleibt, ohne in einen offenen Widerspruch zu geraten.

Für die Rezeption bedeutet das, dass nicht alles zugleich sichtbar werden kann. Jede Lektüre setzt Schwerpunkte, legt frei und verdeckt zugleich. In einer ersten Annäherung mag die Figur des Freundschaftsdienstes überzeugen, weil sie eine plausible, beinahe notwendige Motivation liefert. Erst in einem zweiten Zugriff tritt die strukturelle Dimension hervor, die diese Motivation trägt und zugleich über sie hinausweist.

In diesem Sinne gleicht die Analyse weniger einem Urteil als einem Schälvorgang. Schicht um Schicht wird abgetragen, ohne dass die vorhergehenden Schichten falsch gewesen wären. Sie waren nur nicht vollständig. Das Manöver liegt nicht darin, dass etwas Unwahres oder Unredliches gesagt würde, sondern darin, dass etwas Wahres in einer bestimmten Reihenfolge erscheint.

So verstanden, ist die Aufgabe der Kritik die Rekonstruktion der Reihenfolge. Sie fragt nicht: Was stimmt hier nicht? Sondern: Was wird wann sichtbar – und was erst später? Das Gespräch liefert das Material, die Analyse verschiebt die Perspektive, und zwischen beiden entsteht jene zeitliche Tiefe, in der sich die eigentlichen Strukturen zeigen.

Das Manöver ist eine Form, mit der sich komplexe Verhältnisse überhaupt erst sagbar machen. Es erlaubt, Verantwortung zu formulieren, ohne sie von ihrer Grundlage zu lösen. Gerade deshalb entzieht es sich der unmittelbaren Bewertung. Es verlangt eine Lektüre, die bereit ist, sich in Etappen zu vollziehen.

Fortsetzung des Gesprächs mit Wolfgang Rüger, dem Editor von Jürgen Ploogs literarischem Nachlass

 

Tuschick: Ploog scheint eine eigentümlich stille Zuneigung entgegenzuschlagen, als wüssten genug Akteure, dass in seinem Fall etwas auf dem Spiel steht, das sich vorschnellen Kategorisierungen entzieht. Auch das ist ein Aspekt seiner klandestinen Gegenwärtigkeit: dass die Standardvorwürfe ausbleiben. Dabei wäre es ein Leichtes, Ploog zu denunzieren. Stattdessen beobachtete man unerwartete Eingemeindungsbestrebungen. Wer sich zur Avantgarde zählt und sich für radikal hält, bezieht sich gern auf den prophetischen Dandy Ploog. Auch deine Nachlasssichtungen entsprechen kulturellen Interventionen. Man muss Ploog dankbar sein, dass sein Werk sich jeder eindeutigen Vereinnahmung entzieht und stattdessen Räume öffnet, in denen die üblichen moralischen Raster ihre Gültigkeit verlieren. Staunst du nicht auch über die noch nur seismisch knisternde, aber doch für uns spürbare Bereitschaft, Ploogs Werk in der Gegenwart zur Welt kommen zu lassen?

Rüger: Das scheint ein allgemeingültiges Phänomen zu sein. Ein toter Autor kann sich nicht mehr wehren. Junge Autoren brauchen Vorbilder, und dann wählt man einen aus, mit dessen Werk oder Habitus man sich identifizieren kann. Manchmal kommen dann total absurde Konstellationen zustande, wie z.B. Stuckrad-Barre und Fauser. Der Hype um Fauser hat ja auch erst postum eingesetzt, und in diesem Fall gab es mit der Witwe und Carl Weissner zwei Menschen, die ordentlich getrommelt und die richtigen Strippen gezogen haben. Fauser hätte sich zu Lebzeiten niemals zu träumen gewagt, daß er mal ganzseitig in der FAZ besprochen wird.

Unser großes Plus ist der immense Nachlaß, den es bei den allermeisten anderen Autoren nicht gibt. Wenn wir pro Jahr eine neue Publikation auf den Markt bringen, können wir locker die nächsten zehn Jahre liefern. Und Du hast vollkommen Recht, da es zu Ploog bisher keine Sekundärliteratur gibt, kann seine Verortung in der Literaturgeschichte noch in jede denkbare Richtung gehen. Zu Brinkmann gibt es mittlerweile meterweise Sekundärliteratur. Was mir Hoffnung macht, sind die ungefähr eine handvoll Universitäten, die die literarische Alternativszene regelmäßig im Lehrplan haben. Inzwischen gibt es doch eine Reihe von Professoren und Dozenten, die früher selbst zur Szene gehörten und die den Stab jetzt weiterreichen.

In den zurückliegenden Monaten habe ich zwei Doktoranden mit Ploog-Material versorgt, das sie für Ihre Dissertation dringend brauchten. Eine weitere meiner Aufgaben sehe ich genau darin, Bezugsquelle zu sein. Vor einem Jahr habe ich eine Webseite installiert (www.wolfgangrueger.de), die nach und nach u.a. den deutschen Underground aufarbeiten soll und deren Protagonisten mit verschiedenen journalistischen Texten vorstellt.

Die engagiertesten Doktoranden versuche ich, in meine Ploog-Projekte einzubinden. Von Anfang an war mein Bestreben, die Bubble zu verlassen. In „Ploog West End" sollten z.B. nicht die allseits bekannten Ploog-Experten zu Wort kommen, sondern ich wollte neuen Stimmen Platz einräumen.

Und ich hätte gerne mehr kritische, kontroverse Statements gehabt. Ploog mußte sich z.B. zeitlebens mit dem Vorwurf, latent frauenfeindlich zu sein, auseinandersetzen. Ich hatte eine Reihe von Frauen zur Mitarbeit eingeladen, aber keine wollte sich zu dieser Problematik äußern. Das ist auch ein Punkt, an dem ich noch arbeite.

*

Die postume Existenz eines Autors ist kein natürlicher Fortbestand seines Werkes, sondern das Ergebnis einer asymmetrischen Situation. Ein toter Autor kann sich nicht mehr wehren. Diese scheinbar triviale Feststellung markiert den Ausgangspunkt eines komplexen kulturellen Prozesses: der nachträglichen Verfügbarkeit eines Werkes für Deutung, Aneignung und Kanonisierung.

In dieser Konstellation wird der Nachlass zum zentralen Rohstoff. Er ist nicht bloß Archiv, sondern Potenzialraum. Seine Größe, seine innere Heterogenität und seine Unabgeschlossenheit bestimmen, wie viel Zukunft ein Werk hat. Ein umfangreicher Nachlass ist eine Ressource. Er erlaubt Kontinuität, Variation und strategische Veröffentlichung über Jahre hinweg.

Folglich ist der Editor nicht mehr nur treuhänderischer Vermittler zwischen Werk und Öffentlichkeit, sondern Betreiber eines Dispositivs. Er entscheidet nicht nur, was erscheint, sondern wannin welchem Zusammenhang und in welcher Form der Sichtbarkeit. Die Edition wird zur Infrastruktur der Nachwirkung.

Diese Infrastruktur umfasst Netzwerke, Institutionen, akademische Anschlussfähigkeit und mediale Kanäle. Universitäten, Zeitschriften, digitale Plattformen und persönliche Kontakte bilden ein Geflecht, in dem sich entscheidet, ob ein Autor in der Literaturgeschichte stabilisiert oder marginalisiert wird. Kanonisierung ist in diesem Sinne kein rein interpretativer Akt, sondern ein logistischer Prozess.

Besonders deutlich wird dies an der Schnittstelle zwischen Literaturbetrieb und Wissenschaft. Subkulturelle Autorenbewegungen werden erst dann literaturgeschichtlich wirksam, wenn sie in akademische Systeme überführt werden. Dissertationen, Lehrpläne und Forschungsprojekte fungieren als Verstärker. Sie stabilisieren, was zuvor nur in fragmentierter Form existierte, und übersetzen ästhetische oder politische Radikalität in institutionell anschlussfähige Kategorien.

Der Nachlass ist zugleich Materialreservoir und Argument. Seine bloße Existenz erlaubt es, einen Autor langfristig präsent zu halten. Gleichzeitig eröffnet er die Möglichkeit, das Werk immer wieder neu zu konfigurieren. In diesem Sinn ist der Nachlass keine abgeschlossene Hinterlassenschaft, sondern eine aktive Produktionsform von Gegenwart.

Diese Dynamik wirkt stark. Postume Aufmerksamkeit entsteht selten aus dem Werk allein, sondern aus einem Zusammenspiel von Vermittlung, Intervention und narrativer Verdichtung. Agenten, Herausgeber, Nachlassverwalter und akademische Akteure greifen ineinander. Was als Werk erscheint, ist das Ergebnis einer stabilisierten Rezeption, nicht deren Voraussetzung.

Auffällig ist dabei die Verschiebung von Interpretation zu Infrastruktur. Der Editor wird zum Knotenpunkt eines Systems, das zugleich kulturell und organisatorisch funktioniert. Er stellt Materialien bereit, öffnet Zugänge, produziert Anschlussfähigkeit und hält den Nachlass in Bewegung. Seine Arbeit besteht weniger im Deuten als im Ermöglichen von Deutung. Die Kanonbildung erscheint nicht mehr als nachträgliche Wertung, sondern als Prozess der Verfügbarmachung. Ein Autor wird kanonisch, weil er in den richtigen institutionellen und medialen Kreisläufen zirkuliert. Die Frage nach Bedeutung wird dadurch nicht obsolet, aber sie verschiebt sich: Bedeutung ist das Ergebnis stabilisierter Sichtbarkeit. Einerseits kann ein Nachlass neue Lesarten  provozieren; andererseits werden seine Zugänge, Publikationsformen und institutionellen Einbindungen gesteuert. Offenheit ist ein Produkt. So entsteht eine paradoxe Situation. Der tote Autor wird zum Ausgangspunkt lebendiger kultureller Prozesse, ohne selbst eingreifen zu können. Der Editor steht im Zentrum einer Bewegung, die er zugleich beschreibt und ermöglicht. Die editorische Arbeit wird zur kulturellen Produktion.

 

Lass uns mal kurz Abstand nehmen von den sehr interessanten psychologischen Ploog-Deutungen und uns der editorisch-kulturgeschichtlichen Verortung Deines gewissermaßen uferlosen Nachlasssichtungsprojekts zuwenden.

Was macht dieser Nachlass mit der Literaturgeschichte?

Das ist doch ein Abenteuer. Du kanonisierst einen Autor mit Potential. Es ist ja fast alles erst noch zu entdecken. Da wird einer nicht mit allen Ehren und für alle Zeiten beerdigt. Vielmehr läuft das, was Du da treibst, auf eine editorische Wiederauferstehung hinaus. Jeder einschlägige Vergleich kommt nicht aus mit einem Hinweis auf Max Brods Rettungen im Zusammenhang mit Kafkas Werk. So ein Liebesdienst macht vieles überhaupt erst sichtbar. Brod hat aus Kafkas Nachlass einen Kosmos geschaffen. Was versprichst du Dir von Deinen Bemühungen?

Erstellungsdatum: 16.07.2026