Jutta Roitsch im Gespräch mit dem Soziologen Berthold Vogel
Antidemokratisches Basisrauschen

Die zunehmende Abkehr von demokratischen Werten in Ostdeutschland beobachtet auch Berthold Vogel. Die daraus gezogenen Schlüsse findet er aber oft zu vereinfacht und pauschal, da sich auch dort viele um die Bewahrung der Demokratie bemühen. Sorgen bereitet ihm vor allem der wachsende Rechtsextremismus bei insbesondere jungen Männern. Im Gespräch mit Jutta Roitsch stellte der Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen zugleich klar: „Dennoch stehen wir durch eine Wahl in Sachsen-Anhalt noch nicht vor dem neuen Faschismus“.


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Peter Kern über Robert Misik Buch „Erziehung zur Grausamkeit“
Aufgestachelt zum Online-Mob

Die sogenannten einfachen Wahrheiten sind in Wahrheit sprachliche Blendwerke. Ihr Kurzschluss-Knalleffekt lässt schöne Funken sprühen, die uns vergessen lassen, dass wir auf der Leitung stehen. Diese Verkäufersprache, die auch in der politischen Rhetorik zuhause ist, verlässt sich auf die Sorg- und Achtlosigkeit, mit der wir die Mitteilung aufnehmen. So wird das Vorurteil erzeugt, und die Propaganda erscheint als Tatsache. Der österreichische Journalist und Sachbuchautor Robert Misik hat sich mit der „Erziehung zur Grausamkeit“ der bedrohlichen Gegenwart zugewandt, und Peter Kern hat das Buch kritisch gelesen.


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Zum Tod von Thomas Schestag: Sein Essay über den Gruß
Den Abschied willkommen heißen

Wir würden es begrüßen, wenn jede und jeder so läse, wie Thomas Schestag es beschrieben hat. Denn wenn das, was wir verstehen können, sich im Prozess der Lektüre ergibt und ergeht, und nicht in Merksätzen, dann hilft es nicht, das Unverstandene mit dem Marker zu kennzeichnen. Nun ist der große Philologe, der uns das genaue Lesen, das lesende Aufschlüsseln von Texten gelehrt hat, gestorben. Uns hat er einen Gruß hinterlassen, der uns das Grüßen unheimlich werden lässt.


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Detlef zum Winkel über konkrete Phänomene der Faschisierung
Harstad, Reemtsma und die Nashörner

Es sieht ganz so aus, soll es aber nicht sein. Die Analogie ist unter Soziologen eine Fata Morgana, wohingegen Begriffe, Symbole und Allegorien Hilfsmittel sind, um einen Sachverhalt zusammenzufassen, ihn in Bilder und Gleichnisse der – so paradox das klingt – abstrakten Anschaulichkeit zu übersetzen. Ob diese Ersetzung zu Erkenntnisgewinnen führt oder nur der gliedernden Ordnungskategorie zur Vermeidung von Redundanzen dient, ist noch nicht abschließend erforscht. Es geht um den Begriff des Faschismus und den Prozess der Faschisierung, dessen Nennung Detlef zum Winkel bedroht sieht.


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Marli Feldvoß traf Péter Nádas auf der Frankfurter Buchmesse
Etwas Licht

Als Kind überlebte Péter Nádas mit seiner jüdischen Familie den Holocaust in der Illegalität, später machte er sich als Schriftsteller und Fotograf einen Namen. Ende August ist er in seiner ungarischen Heimat verstorben. Marli Feldvoß hatte ihn 2000 auf der Frankfurter Buchmesse getroffen, wo er ihr das leitende Motiv seines Schaffens erklärte. Er habe zwei Diktaturen erlebt – eine faschistische, danach eine kommunistische – die bestrebt waren, Illusionen zu erzeugen. Beim Schreiben habe er zeitlebens „alles daran gesetzt diese verfälschten Bilder zurechtzuschieben“. Beim Fotografieren sei er dagegen „liebevoll, fast sentimental“ gewesen.


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Volker Breidecker über Péter Nádas' Suche nach dem letzten Bild
Tanz der Spiegelneuronen

Was, wenn es gar keine Doppelbegabungen gäbe und die eine große Begabung sich mit ähnlichem Zugriff auf andere Sparten realisierte? Man wird ja kein anderer Mensch, wenn man, wie Péter Nádas, fotografiert und gerade mal nicht schreibt. Aber es kommen bei der Zusammenschau beider Tätigkeiten viele sonst verdeckte Details zwischen Licht und Schatten zum Vorschein. 2012 hatte im Kunsthaus Zug Péter Nádas sein künstlerisches Werk in die große und verschollene ungarisch-mitteleuropäischen Tradition eingebettet, schreibt Volker Breidecker.


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Felix Philipp Ingold über die Resilienz der Poesie gegenüber der KI
Kann sich die Dichtung gegenüber der KI behaupten? Und wie!

Weil die Bestseller-Literatur das bedienen muss, was die Leserschaft schon kennt, las sie sich schon vor der Erfindung der KI wie von KI generiert. Und selbstverständlich betrifft das auch ein Gutteil der anderen Literatur, inklusive Poesie. Da der Mensch so gierig nach KI ist – in der Hoffnung, sie mache den Menschen überflüssig – würde der schreibende Mensch und mit ihm die Literatur, die er produziert, wohl auch entbehrlich. So könnte man konsequent und kurzschlüssig prophezeien. Felix Philipp Ingold aber macht auf eine Literatur aufmerksam, die nicht zur Beute der Algorithmen werden kann.


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Thomas Rothschild über die Waldheime
Ausverkauf der Arbeiterbewegung

„Die Idee der Waldheime fand in Stuttgart durch die Arbeiterbewegung ihren Ursprung.“ (StZ 27.07.2022). Seit 1890 heißt sie Sozialdemokratische Partei Deutschlands und „gilt als älteste noch bestehende deutsche Partei.“ (Wikipedia) Nun gehört die Vergesslichkeit zum Preis des hohen Alters. Wozu die SPD einst gegründet wurde, wen sie vertrat und wem sie ihre lange Existenz verdankt, ließe sich eventuell nachlesen. Was sie aber entseelt, ist, dass sie in den Umverteilungswirren ohne Not ihre eigenen Errungenschaften vernachlässigt oder gar preisgibt. Thomas Rothschild macht auf die Waldheime aufmerksam, die Hilfe erwarten.


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Bonaventure Soh Bejeng Ndikungs Eröffnungsrede zur Verleihung des Internationalen Literaturpreises
Sprachen bewohnen

Anfang Juli wurde der Internationale Literaturpreis – Preis für übersetzte Gegenwartsliteraturen (ILP), den das Haus der Kulturen der Welt und die Stiftung Elementarteilchen gemeinsam vergeben, bereits zum achtzehnten Mal verliehen. Die Eröffnungsrede zum Fest der Shortlist und zur feierlichen Preisverleihung 2026 hielt Prof. Dr. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Intendant und Chefkurator des Hauses der Kulturen der Welt. In seiner hier leicht gekürzten Rede denkt Ndikung über die subversive Kraft des Erzählens, das Leben zwischen Sprachen und die Übersetzung als schöpferischen Akt nach, der neue Zugänge zur Welt eröffnet.


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Empfehlung: Gespräche zu Rassismus, rechter Gewalt und Solidarität in den 1990er Jahren
Podcast: Brandenburger Baseballschlägerjahre

Mit dem Fall der Mauer 1989 ging ein massiver Anstieg von rechter und rassistischer Gewalt einher. Täglich entlud sich der nationalistische und rassistische Hass; vor allem gegen Geflüchtete, ehemalige Vertragsarbeiter:innen, vermeintliche Linke, Punks, Langhaarige, Wohnungslose, Menschen mit Behinderung. Sie alle liefen Gefahr im öffentlichen Raum, aber auch im Privaten körperlich attackiert zu werden. Politik und Behörden verharmlosten die Angriffe, weite Teile der Bevölkerung schauten weg.


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Die Frankfurter Buchmesse 2026 findet vom 7. bis zum 11. Oktober 2026 statt. Unsere Standnummer lautet: 3.0 D69.

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